RUDOEF KÄSS>JER
DER, INDI SOIE GEDANKE
Zweite Auflage
DER INDISCHE GEDANKE
VON DEN ELEMENTEN DER
MENSCHLICHEN GRÖSSE
VON
RUDOLF KASSNER
Im Insel-Verlag • Leipzig 1921
DER INDISCHE GEDANKE
('9"3)
GESCHICHTE
ES ist bedeutsam, daß der Glaube an eine
Seelenwanderung in den ältesten Denkmälern
indischer Schrift nicht bezeugt ist und erst auf-
lebt, da das indische Volk, den Mythos verlassend,
hätte Geschichte bilden können. Nun liegt es im
Wesen dieses Glaubens, daß er alle Geschichte
auflöst. Geschichte heißt, daß das Geschehen aus
dem Menschen heraustrete und allgemein werde,
und Geschichte ist insofern Ergebnis und Aus-
druck der — um ein Wort Jakob Burckhardts zu
gebrauchen — plastischen Kraft im Menschen. Der
tiefe Sinn der Seelenwanderung liegt dagegen darin,
daß alles Geschehen des Menschen der Mensch
und solches vom Menschen nicht zu trennen
sei und ewig und allein in ihm selber verlaufe.
Dieser Glaube an die Seelenwanderung und jene
plastische Kraft, die in einziger Weise dem Men-
schen der Renaissance eignete, als welcher wie
kein anderer Geschichte lebte und Anfang und
Ende in sich selber hatte und sich das Objekt in
fast gottloser Weise übertrieb, ich sage, dieser
Glaube an die Seelenwanderung und jene plasti-
sche Kraft im Menschen schließen einander aus, so
daß sich das indische Volk, indem es sich zu dem
einen bekannte, des anderen völlig und für immer
begeben mußte. Der Glaube an die Seelenwande-
rung bedeutet eine heroische Innigkeit, wenn ich
so sagen darf, ein ganz allgemeines, volkstüm-
liches Verzichten auf das Objekt, ein Dichtwerden
des Menschen nach innen zu.
Was wir Menschen Europas Persönlichkeit zu
nennen übereingekommen sind, ist niemals ohne
Gegenstand, ist an die Tat gebunden, verantwort-
lich, kämpfend. Persönlichkeit ist in der Zeit und
also nicht ohne Zweifel und Widerspruch, und
sie ist allemal erst gegen die Vernunft vernünftig.
Die Vernunft des Inders ist nicht unsere, sie ist
fließend, sie ist jener Glaube an die Seelenwande-
rung, und Persönlichkeit ist hier die Kaste. Das
heißt: Kaste steht zur Seelenwanderung wie die
Persönlichkeit zur Vernunft: im selben Verhältnis.
Kaste ist also durchaus kein politischer Begriff
im abendländischen Sinne des Wortes und soll
niemals mit den Ständen und Innungen des Mittel-
alters oder mit dem, was der Sprachgebrauch heute
noch bei uns Kaste nennt, verglichen werden.
Kaste in Indien ist ursprünglich, Kaste ist innere
Form und vom Menschen ebensowenig wegzuden-
ken wie dessen Haut. Nur der Heilige steht über
der Kaste und wird nicht mehr wiedergeboren.
Ich will andeuten, was auszuführen hier nicht am
Platze ist: Persönlichkeit ist ganz zuletzt, im letz-
ten Augenblicke gleichsam, noch bevor sie sich
aufgibt, Humor, oder auch: Humor ist die letzte
Möglichkeit der Persönlichkeit. Mit dem Humor
tritt die Persönlichkeit aus der Geschichte heraus
und vor sich selber hin. Diesen Humor hat der
Inder nicht, diesen Humor hat er — wenn er ihn
je besessen — an ebenden Glauben an die Seelen-
wanderung verloren. Sternes Tristram Shandy
ist in gewissem Sinne der vollkommenste Ausdruck
des europäischen Humors; der Roman handelt von
der Geschichte des Helden vor dessen Geburt oder
davon, daß der Mensch eine ebenso lange Ge-
schichte vor wie nach der Geburt habe, und ist
somit die denkbar unindischeste Auffassung vom
Menschen. Und dieser dennoch verwandt, geheim-
nisvoll, vom Geiste aus.
Geschichte ist die Frage nach den Urhebern und
den Beginnenden, und dem Inder ist an Originali-
tät in unserem Sinne nichts gelegen, ja Originali-
tät muß für ihn etwas Groteskes haben und der
eigentliche Ausdruck davon sein. Kaste ist mehr
als Originalität und nimmt diese vorweg. Jener
Kampf zwischen Ursprünglichkeit und Erfahrung,
den im Abendlande die Persönlichkeit stets von
neuem zu bestehen hat, ist in Indien von Anbe-
ginn an in der Kaste entschieden und ausgetragen.
Originell ist streng genommen nur der Kasten-
lose, der Ungeweihte, der Paria, als welcher
außerhalb der Ordnung steht. Originell ist auch
der Schauspieler, der Gaukler, der Lügner.
Die moderne Demokratie, die keine Kasten aner-
kennt, ist gezwungen, den Schauspieler zu über-
schätzen, so daß sie oft alle Mühe hat, ihn von
der Persönlichkeit zu unterscheiden. Daher jener
Mangel an Gegenwart, welcher den modernen Men-
schen kennzeichnet. DerSchauspieler ist stets ohne
Gegenwart, und die Kaste hat es zu allen Zeiten
verstanden, dem Menschen Gegenwart zu verleihen
oder, wenn auch nicht Gegenwart, da diese ein
Attribut der Götter zu sein scheint, so doch Maß.
Man kann auch sagen, daß nur der Tätige, der
Verantwortliche originell, zu Beginn originell, und
es darum unsinnig sei, von einer Originalität des
Leidenden zu sprechen. Der Leidende ist erst am
Ende originell, da er das Leiden überwunden hat,
und dieser Originelle ist dann der Heilige, der
Erlöste, der andere Kastenlose, er, der nicht aus
der Heimat kommt gleich den anderen, sondern
diese sucht und am Ende in sie durch den Tod
eingeht.
10
Der Seiende ist ursprünglich. Mit anderen Worten :
die Originalität des Inders ist mythisch und nicht
persönlich. Der forschende, suchende Mensch Eu-
ropas neigt dazu, Originalität im Einzelnen, im
Besonderen, im Anderen, im Unbekannten, im
Fortschritt sowohl wie auch im Verkehrten zu
suchen, während der Inder sie einzig im Göttlichen,
im Ursprung, im Sein, ja so sehr im Unpersön-
lichen weiß, daß man von ihm sagen muß, er sei
originell von dem Augenblick an, da er es nicht
mehr ist, welches tiefe Paradox auf ewig die Per-
sönlichkeit vom Schauspieler unterscheidet. ^
Der Inder ist religiös, und das will sagen: er ist
nicht ,, interessant". Er ist von Anbeginn an da
und also ohne Angst, wohingegen der ,, inter-
essante" Mensch seinen Ursprung verloren hat
und nun inmitten eines Walles von Angst lebt
und gar nicht anders als so geängstigt leben kann.
Nichts ist dem Inder fremder als das, was wir
Romantik nennen, wenn auch die Romantiker, zu-
mal in Deutschland, das Gegenteil für wahr ge-
halten haben und der Ansicht waren, der indische
Geist sei die Quelle des romantischen. Es kenn-
zeichnet den Romantiker, den „interessanten"
Menschen, und er lebt davon, daß er zwischen
dem Persönlichen und Unpersönlichen nicht rich-
1 1
tig scheidet, daß er stets die Grenze zugunsten
des einen oder des anderen verschiebt, daß er —
kurz — auf keine Weise ohne Situation zu exi-
stierenvermag. (Der antike Mensch setzt in großer
Art zwischen das PersönHche und Unpersönhche
die Zeit, und die Zahl und das Maß, so daß seine
Taten im Gesetze sowohl Ziel wie Dauer finden.)
Der Inder hat nun das einzige Streben, die Situa-
tion zu streichen und also die Gleichung zwischen
dem Persönlichen und Unpersönlichen aufzulösen.
Und das ist weder Romantik noch Klassizismus,
das ist religiöses Dasein, Dasein vom Anbeginn
an. Und darum, weil es sozusagen ein Dasein
a priori ist, gleicht das Leben des Inders so sehr
einem Kult, und darum ist seine Situation immer
das Gegenteil einer romantischen, ist sie eine Zere-
monie, und so vermag er zu leben, ohne immer
von neuem zum Leben gereizt werden zu müssen,
eben aus dem Ursprung, vom Anbeginn an. Der
Mensch Europas muß stets von neuem zum Leben
gereizt werden mit dem Anderen, dem Fremden,
dem Unbekannten, und es müssen ihm immer wie-
der Fragen gestellt werden, die er nicht beant-
worten, und Taten auferlegt werden, die er nicht
leisten kann. Die höchsten Vertreter europäischen
Menschentums, Faust, Hamlet, Don Quixote, sind
12
solche von Gott stets von neuem zum Leben Ge-
reizte, von Gott Überanstrengte, Versuchte, und
derAugenbhck ist von größter, einziger Bedeutung
in ihrem Leben, ja allein die Überwindung der
Geschichte oder, wenn man will, die Geschichte
der großen, der göttlichen Menschen.^
Der Inder lebt von Anfang an wie unter einem
Befehl, einem Auftrag, einem Schicksal, ununter-
brochen, und der Freie, der Heilige ist erst am
Ende der Bestimmung da, und also ist, was für
unseren Menschen des Augenblicks, der göttlichen
Unterbrechungen das Drama ist, für den Inder
von jeher das Opfer gewesen.
13
DIE KUNST
GOETHE schrak vor dem, was er die Fratzen-
haftigkeit der indischen Mythologie nannte,
zurück und wunderte sich, wie es möghch wäre,
daß hinter so viel Unsinn ein so tiefer Sinn
stecken könnte. Goethe empfand hier durchaus
wie sein Jahrhundert: griechisch-rationalistisch,
das heißt: er sah nicht, wie der Inder nur aus
dieser Fratzenhaftigkeit zu dem Namen- und Ge-
staltlosen, als welches er die Gottheit, das Brah-
man, verehrte, gelangen, wie nur ein so Vielfaches
und Ungeheueres, als welches sich die indische
Götterwelt darstellt, zugleich Symbol des Einen
sein konnte.
Dem Inder war und ist noch heute die tiefste
Scheu angeboren, er könnte wirklich Gestalt ver-
ehren, Gestalt für etwas Bleibendes nehmen, er
könnte sich vor dem Ende ein Ende und vor dem
Ziel ein Ziel setzen.^ Der Inder ist nicht Anthro-
pomorphist, und die Götter mit sechs Armen und
drei Köpfen, diese Mischungen und Verknotungen
von Menschen- und Tierleibern sind nichts anderes
als der Ausdruck seiner anti-anthropomorphischen
Weltanschauung, als der Ausdruck davon, daß
der Mensch nicht die Mitte, sondern wie alles Ge-
H
staltete unvollkommen, flüchtig, verworren, leid-
voll und endlos sei.
Die anthropomorphischeWeltanschauung desGrie-
chen ist die des Kriegers, als welcher die Welt
nur so begreifen kann, daß er sich in deren Mitte
setzt. Und so als Krieger war der Grieche Dua-
list, denn Dualismus ist die Weltanschauung des
Kriegers im weitesten und erhabensten, im ewigen
Sinne und als solche unüberwindlich und durch-
aus nicht vom Monismus unserer Tage, diesem
deutlichen Hirngespinst leererTheologen und völlig
geistloser Naturforscher, zu widerlegen. Nur der
Inder ist, indem er die Weltanschauung des Krie-
gers sich zu eigen zu machen, wie ein Krieger zu
sehen völlig ohnmächtig ist, der einzig wahre,
der geborene Monist, seine Weltanschauung ist
die des Sehers, das heißt hier: des vollkommen
wehrlosen, des preisgegebenen, des leidenden
Menschen.
Der Seher erfährt das Leiden anders als der Krie-
ger. Für diesen ist der leidende Mensch ein feh-
lender, ein beraubter, ein geschundener wie Mar-
syas, für den Inder ist es der nackte, der wehr-
lose, der ergriffene. Zwischen Tat und Leiden
liegt für den Griechen die Vollkommenheit, die
ein Gesetz und kein Vergleich ist, für den Inder
»5
ist die Tat ein Leiden und umgekehrt, und der
Schuldige darf nicht richten, und schuldig ist alles,
was Gestalt und Ende hat.
Der Grieche war Rechner und Dialektiker, und so
konnte er ohne Nullpunkt nicht operieren. Das
Geheimnis der indischen Rechenkunst und Dia-
lektik ist, daß sie ohne Nullpunkt operiert, oder
daß sie diesen nicht in die Mitte zwischen Kalt und
Warm, sondern nirgendhin setzt. Darum ist für
den Inder die Freude Betrübnis, die Tat Leiden,
der Mörder der Gemordete und umgekehrt.*
DieOperation mit dem Nullpunkt, wenn man diesen
Ausdruck so versteht, wie ich ihn hier verstanden
haben will, ist anthropomorphische Anschauung,
die ohne diesen die Anschauung des Heiligen.
Der Heilige hat es eben gelernt, ganz und gar
ohne Wage da zu sein und also in seinen
Gesichten zu leben. Die anderen Menschen alle
haben ihn irgendwie in sich, den toten Punkt, sie
können ohne ihn nicht leben, sie vermögen nicht
zu leben ohne Entscheidung, ohne Unterschiede,
ohne Begriffe. Heilig werden bedeutet also diesen
Punkt, bedeutet den Tod in sich vernichten, be-
deutet ohne Tod leben.
Der Nullpunkt ist für den Inder, für den Seher der
Tod. Wer diesen vernichtet, kann keinen Unter-
i6
schied machen mehr zwischen dem Mörder und
dem Gemordeten. Nur wen der Tod beherrscht,
nur der Krieger muß wählen, und so ist dieser
stets entweder der Mörder oder der Gemordete.
Der Grieche sagte: der Mensch ist das Maß der
Dinge. Der Spiegel nun dieses Menschen der Mitte
ist die Kunst, und nur in ihr vermochte sich der
Grieche wiederzufinden und dieWelt zu erschöpfen.
Der Inder sagt nicht: der Mensch ist das Maß der
Dinge, vielmehr heißt es in der Brihadaranya-
kam Upanishad: ,, Dieses ist meine Seele: im inne-
ren Herzen kleiner als ein Reiskorn oder Gerste-
korn oder Senfkorn oder Hirsekorn oder Hirse-
kornes Kern. Dieses ist meine Seele: im inneren
Herzen größer als die Erde, größer als der Luft-
raum, größer als der Himmel, größer als die
Welten." Eine solche Erkenntnis muß jede Kunst
überflüssig und zufällig machen.
Und doch ist die indische Kunst, die Skulpturen
in den Tempelhöhlen von Ellora, noch mehr die
Architektur von Madura, Tanjor, welche die Schul-
meister Europas gerne mit dem so leeren BegriflF
der Maßlosigkeit abtun möchten, aus ihr genau so
abzuleiten wie die Parthenonskulpturen und die
Architektur des Tempels von Paestum aus dem
Satze: der Mensch ist das Maß der Dinge. Ich will
17
damit sagen, daß sich auf dem Grunde der indischen
Kunst stets diese in dem alten Upanishadverse
ausgesprochene Identifikation des Allergrößten und
Allerkleinsten findet, was die indische Kunst im
tiefsten Sinne zu einer exzentrischen macht.
Wer nachforscht, wird sehen, daß darin, in eben-
dieser Identifikation des Allergrößten mit dem Alier-
kleinsten, das Wesen jeder exzentrischen Kunst
liege, ob es sich nun um die Anschauung eines
ganzen Volkes oder um die Laune, den Witz, die
Bewegung eines Abgesonderten, aus der Mitte
Herausgestoßenen, um den Tanz eines Eccentric
handle. Im ersten Falle ist die Szene eine voll-
kommen spiritualistische, nur der Geist ist wirklich,
im zweiten eine rein materialistische, mechanische
Welt, eine Welt ohne Spiegel.^ Auch der Gegensatz
des Inders, der mechanistische Mensch, der Mensch
mit dem Glauben an den Erfolg, der Amerikaner
ist gezwungen, dort, wo er nicht arbeitet, ein Glied
unter vielen ist und das Nächste zum Nächsten
fügt, exzentrisch zu sein und das Allergrößte
dem Allerkleinsten gleichzusetzen, um Maß zu
haben oder vielmehr: um nicht im Augenblick ver-
nichtet zu werden. Denn wie es sich dem Inder, dem
reinen Spiritualisten, immer um das Sein handelt,
darum, daß er im großen Sein aufgenommen und
i8
also nicht vernichtet werde, so handelt es sich
dem Bekenner einer mechanistischen Theorie, so
handelt es sich dem Eccentric darum, im Augen-
blicke, jetzt noch da zu sein und nicht plötzlich
aufzuhören, nicht zerdrückt und zermalmt zu
werden. Beide, der Spiritualist sowie derMaterialist,
können im tiefsten Sinne des Wortes keine Künst-
ler sein.
,,Der Mensch ist das Maß der Dinge'' — in diesem
Satze ist auch die für den Griechen und die Erben
des griechischen Gedankens bezeichnende Aner-
kennungund Billigung des Objektes ausgesprochen,
und der Satz sagt weiter, daß Subjekt und Objekt
nur durch das Maß zu einen sind und auf keine
andere Weise, worin ja die große Bedeutung des
Künstlers in Europa seit jeher gelegen ist. Die
große Angelegenheit des Inders ist die Vernichtung
des Objektes, und daraus ist ganz und gar das
Willkürliche und Maßlose sowie auch der fehlende
Sinn für das Material in der indischen Kunst zu
erklären.
Die erhabene Einheit von Dichtung und Leben
durch das Maß, wie diese sich in den großen Dicht-
werken des Abendlandes ausspricht, in Homer, in
Dante, in Shakespeare, in Goethe, ist nur dort
möglich, wo in Wirklichkeit Leben und Dichtung
19
getrennt sind, da nur Getrenntes durch das Maß
geeint werden kann. In der indischen Welt sind
das Leben und die Dichtkunst ineinander, es ist
keine Grenze da zwischen beiden. Vielleicht liegt
die unserem Sinne nächste Dichtung der Inder in
den Legenden, als welche im Grunde nur eines dar-
stellen und behaupten: die ursprüngliche Einheit
von Dichtung und Leben. Hier ist das Objekt nicht
so sehr vernichtet wie von Anfang an geeint mit
dem Subjekt. In Homer ist zwischen den Göttern
und Helden und Tieren und Flüssen das Maß,
einigend und zugleich trennend; in den indischen
Legenden sind der Heilige, die Schlange, der Hase,
der Tiger, der Salabaum einen Leibes, und Maß
ist hier das Wunder, das entsteht, und Maß ist,
daß ein Wesen aus dem anderen, Menschen aus
Tieren werden und Menschen in Tieren sterben.
Die indische Kunst läßt sich auch daraus verstehen,
daß dem Inder die Vorstellung der Chimäre durch-
aus fremd ist, oder besser: daß der Inder die Chi-
märe nicht ausschließen will und darf aus dem
Reiche der Formen und Gestalten, daß vielmehr
die Chimäre ganz drinnen ist im endlosen Werden,
in der unentwirrbaren Verknotung und Verstrik-
kung der Wesen, daß sie stets mitgeboren wird.
Sie ist unsichtbar, und nur wer Wesen von Wesen,
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Art von Art zu trennen versuchte, der würde dann
nicht das Maß, der würde die Chimäre verletzen
und aufreißen, und es würde aus ihr bluten.
Die Chimäre ist im Werden enthalten wie die
Schamlosigkeit in der Scham, und niemand vermag
diese von jener zu trennen außer dem Heiligen, als
welcher einzig sich von der Chimäre befreit hat
und Wesen von Wesen und Glied von Glied zu
lösen begabt ist.
2[
DAS OPFER
(VON DER MENSCHLICHEN TIEFE)'
DER Inder stellte anders als der Jude, und
nach diesem das ganze Abendland, die Frage
nach dem Anfang und Ende der Dinge, denn der
Jude wollte wissen und handeln. Der Inder will
sein, und so weiß er, daß Anfang und Ende im
bewegten Dasein eingeschlossen und in jedem
Augenblicke da seien, und so vermag er sich nicht
zu isolieren, und der Ausdruck seiner Zusammen-
gehörigkeit mit dem Dasein, ja seiner Einheit mit
sich selber ist das Opfer.
Die Tat ist Tat und das Wissen Wissen, so An-
fang und Ende auseinanderliegen und der Mensch
sich zwischen Anfang und Ende behaupten oder
vom Anfang bis zum Ende fortschreiten will. Um
des Opfers willen jedoch sind Anfang und Ende
ineinander. Der Opfernde hat keine Geschichte,
der Opfernde ist ewig.
Der Jude war gehorsam um des Anfangs und des
Endes willen, der Inder opfert um der Schöpfung
willen. Man muß sagen, daß ersieh im Opfer wieder-
gebiert, daß er im Opfer noch einmal da ist. Man
darf also nicht sagen, daß er durch das Opfer dem
Irrtum entgehen wolle, daß der Opfernde fliehe.
22
Das Opfer ist eitel, das Opfer ist stets zu viel
oder zu wenig, so der Mensch sich ein Ziel außer-
halb von sich selber, im ganz Bestimmten setzt.
Das Opfer ist unbegreiflich für den Menschen, der
sich teilt. Und darum wollte Jehova den Gehor-
sam und nicht das Opfer, denn er wollte, daß der
Knecht Knecht und der Herr Herr bleibe. Der
letzte, tiefste Sinn des Opfers ist, daß der Knecht
zum Herren und der Herr zum Knechte werde.
Und das war der Sinn des Opfers der Inder, daß
sich hier im Opfer die großen Gegensätze ver-
gleichen, daß durch das Opfer die Tat Leiden und
das Leiden Tat werde, daß dort Einheit herrsche,
wo der Eingeschränkte, der Gehorsame unter-
scheiden muß.
Das Opfer ist die sublimste und zugleich entschie-
denste Art, das Objekt-zu vernichten. Der Gehor-
same leidet ja stets am Objekt und ist gezwungen,
um nicht lächerlich zu werden, das Objekt zu
übertreiben. Der Opfernde hingegen fühlt sich in
jedem Augenblicke als Objekt und Subjekt zu-
gleich, und so vermag er nur an sich selber zu
leiden. Er ist sich sowohl Fülle wie Mangel, und
er handelt sein Leiden und leidet sein Handeln.
Der Gehorsame ist sehnsüchtig, der Opfernde rei-
nen Willens, und wir sollen den reinen Willen
23
mit der Sehnsucht ebensowenig verwechseln wie
den Opfernden mit dem Gehorsamen. Der reine
Wille ist schöpferisch, man stelle sich, wie man
wolle, das heißt: es ist lächerlich, noch zu fragen,
ob dem das auch zuteil geworden sei, was er ge-
wollt habe, so sein Wille rein war.
Der Opfernde ist nicht das Maß der Dinge — das
ist wohl die tiefste Lehre, die wir vom Opfernden
zu empfangen vermögen. Indem der Inder opfert,
lehrt er uns nichts anderes, als daß der Mensch
im Zusammenhange mit dem Ganzen und darum
unerschöpflich, daß also für ihn Fülle Entbehrung
und Entbehrung Fülle sei, was zu begreifen einem
Menschen schwer fallen muß, dem von Jugend an
gelehrt wurde, daß der Mensch das Maß der
Dinge sei.
Der Inder hat keine Tragödie, vielmehr ist sein
Tragisches ganz und gar im Opfer enthalten. Die
Tragödie ist unmöglich ohne den Begriff vom
Menschen als dem Maße der Dinge, ohne den Be-
griff der Persönlichkeit. Die griechische Tragödie
ist darum von ewiger Bedeutung, weil der Mensch
hier zum erstenmal versucht, aus der Welt der
Opfer herauszuschreiten in die Welt der Freiheit
und des Maßes. Der Tod des tragischen Helden
zeigt uns dann, daß das Maß Vermessenheit und
H
daß das Opfer älter sei als das Maß. Man darf
also die Tragödie ein Opfer von rückwärts ge-
sehen nennen, eine Rückkehr zum Opfer. Was
der Opfernde gleich zu Anfang weiß, daß Leben
Sterben bedeute, und Handeln Leiden, das weiß
der tragische Mensch erst am Ende.
Zwischen diesem Anfang und diesem Ende jedoch
ist die Zeit und die Weisheit der Zeit, die Zahl
und das Gesetz, die Rede, das Wort, der Mensch,
der trennt und die Worte von den Dingen reißt;
zwischen diesem Anfang und diesem Ende sind
die Namen, sind die Neugierigen, dieEigensinnigen,
die Hochmütigen; zwischen diesem Anfang und
diesem Ende ist der Mensch, der sich zu teilen
und zu spiegeln weiß, der ein Ding zugleich ist
und nicht ist, der Dichter, der Schauspieler . . .
Der Opfernde lebt von innen, und so ist sein Le-
ben in jedem Augenblicke reif und zu Ende. Wir
sagen oft von Menschen, sie wären zu früh ge-
storben, denn wir haben das Leben immer wieder
als Kampf, als Aufgabe, als Gestaltung, als Ver-
pflichtung, als ein Besitznehmen zu begreifen, von
außen. Der Inder konnte das Leben nur als Opfer
begreifen, als ein Leben von innen, ohne Objekt,
weshalb er wenig Sinn für die Biographie hat. Ein
Leben von innen hat keine Biographie, keine Ent-
25
Wicklung und ist darum nur in einem Spiegel
wirklich, wie immer man diesen Spiegel nenne:
Gott, Geist . . .'
Im Leben desOpferndenistnichtsdraußen,wasnicht
zugleich drinnen wäre, und das und keine andere
ist die Ordnung dieser Welt der Opfer. Die Ge-
horsamen verlangen voneinander den Beweis und
wollen mit dem Beweis das innere Leben an das
äußere binden. Der Inder beweist nicht, die Vor-
stellung des Beweises ist ihm durchaus fremd ge-
blieben, oder, wenn man will, sein Beweis^ ist das
Opfer.^
Ich sage, im Leben des Opfernden ist nichts drau-
ßen, was nicht zugleich drinnen wäre, und so ist
die Welt der Opfer niemals die Welt der Vergleiche
und stets nur die Welt der Vollkommenheit, des
vollkommenen Besitzes oder des vollkommenen
Entbehrens. So opferten die Könige des alten
Ägyptens, weil ihr Besitz vollkommen war. Das
heißt : indem sie die Dinge ihr eigen nannten, waren
diese Dinge rein und ganz und vollkommen. Diese
Könige besaßen nicht den Wert, sondern das Ding
selbst, das Ding bis in dessen Wurzel, wie Gott
besitzt. Und mit dem Dinge besaßen sie auch das
Wort. Sie besaßen ohne die Begierde, die teilt,
vielmehr war ihre Begierde nichts anderes als die
26
Wurzel der Dinge und Worte. Wir müssen teilen,
um zu besitzen. Wir müssen werten, und indem
wir werten, müssen wir zugleich entwerten, so
daß uns oft das ganz Wertlose zum Unschätz-
barsten wird. Wir besitzen als Arme; die alten
Könige besaßen als Reiche, ihr Maß war das Da-
sein selbst, und ihre Macht der Samen der Dinge,
und so durften sie opfern den sehr kleinen Teil
vom unendlichen Ganzen, nicht damit sie weniger
und andere darum mehr besäßen, sondern zum
Zeichen dafür, daß das Ganze da und in ihnen und
ihrem. Besitze sei. Und darum war ihr Opfer stets
vollkommen, wieviel sie auch opferten, gleichwie
das Wort ihres Mundes, gleichwie der Blick ihres
Auges, gleichwie das Schreiten ihrer Beine, gleich-
wie ihre Begierden, ihre Taten, ihre Söhne, ihr
ganzes Geschlecht vollkommen waren. Diese alten
Könige waren nicht Persönlichkeiten, sondern
Gestirne und Schicksale, und sie opferten zuletzt,
indem sie sich produzierten. Sie waren da vor der
Tragödie, vor dem Maß und Unmaß, vor dem Heil
und Unheil, vor dem Vergleich.
Die Welt der Menschen Rembrandts, des alten, des
größten Rembrandt, ist da nach der Tragödie. Das
Leben dieser Menschen ist als ein Opfer aufzu-
fassen und nur als solches, weil es ganz und gar
27
und ohne Beispiel ein Leben von innen ist, aus
dem Geiste, und indem ein solches Leben voll-
kommen entbehrt, vermag es 'einzig und allein
vollkommen zu besitzen, und diese vollkommene
Entbehrung und dieser vollkommene Besitz machen
die Vision aus, als welche das Wesen und Ganze
dieser Menschen ist und um welcher willen diese
Menschen nicht anders bewegt sind als die Ge-
stirne. Das Glück, das nicht in ihnen ist, ist nur
die Unordnung und das Unmaß der Dinge drau-
ßen, und indem diese Menschen sind, ordnen sie
die Dinge und sind der Dinge Schicksal.
Der Opfernde ist tief, und es scheint mir unsinnig,
die Tiefe des Menschen anders ermessen zu wollen.
Wer in den Menschen hinein will, muß den Weg
durch dieses Menschen Opfer nehmen, jeder an-
dere führt aus dem Menschen wieder heraus. Und
wer diesen Weg der Opfer nicht findet, bleibt
draußen und fremd und irrt ohne Maß.
Wer es vermöchte, in die Erdkugel einzudringen
von oben, müßte auf der anderen Hemisphäre
wieder herauskommen, und so würde, was tief
war, jetzt seicht erscheinen. Viele Menschen sind
auch nicht anders tief als so, daß sie plötzlich vor
lauter Tiefe ganz seicht sind. Das ist die Tiefe
derer, die am Worte hängen, der Redner, die Tiefe
28
derer, die nicht sind, die Tiefe der ewig Fremden.
Ihnen ist das Opfer nicht gegeben, oder sie können
nicht opfern.^
So viel ein Mensch zu opfern vermag, so tief ist
er. Viele Menschen sind leicht verwundbar oder
empfindlich, wir vermögen sie leicht aufzustören,
weil sie voll Angst sind, doch dürfen wir die Tiefe
des Menschen nicht an dessen Angst messen, wie
das sehr vorsichtige, ja furchtsame Leute gerne
tun. Wir dürfen die Tiefe ebenso wenig an des Men-
schen Angst messen wie an dessen Ansichten, da des
Menschen Ansichten zumeist nur ein Ausdruck von
des Menschen Angst und Scheu sind oder, was das-
selbe ist, von dessen Vermessenheit. Die Tiefe des
Menschen ist keine Fülle von Angst, da jede Angst,
nachdem ihre Tiefe ermessen ist, seicht wird, son-
dern gleich des Menschen Größe ein Sein, und das
Opfer ist nur ein Ausdruck dieses Seins und dieser
Wirklichkeit, und so muß das Opfer stets voll-
kommen oder nicht sein. Der Empfindliche, der
Ehrgeizige, der Ängstliche, der Gierige ist ohne
Sein, und darum ist nichts so grausam wie das
Verlangen, daß der Empfindliche, der Ängstliche,
der Gierige opfern sollen, denn diese können ja
nur verlieren, was sie an sich gerissen haben, oder
hergeben, was ihnen nicht zukommt, und ihr Opfer
29
kann niemals vollkommen und stets nur erbärm-
lich sein. Der Opfernde kann nicht verlieren, eben-
sowenig wie der tiefe Mensch zum Erstaunen und
Ergötzen der Furchtsamen und Schlauen seicht
und also diesen bequem werden kann.
Nur Einer vermag seiner Natur gemäß das Opfer
nicht zu begreifen: der exzentrische Mensch. Und
so gebührt diesem auch das Glück wie keinem
zweiten, man soll ihn darum mit Glück füttern,
und es soll für ihn nur Glück, nur bunte, lose,
fremde, kostbare Sachen geben und immer mehr
davon und soviel er will.
Der exzentrische Mensch kann darum auch nicht
eigentlich sterben, da jedes Menschen Tod doch
irgendwie ein Opfer vollendet oder das Opfer nach-
holt in einem einzigen, letzten Augenblicke, viel-
mehr muß er tot gemacht werden, irgendwie, zu-
fällig, durch ein Unglück, auch durch den Hen-
ker . . .
Der Opfernde ist unvergleichlich und geheimnis-
voll, wie immer er sonst sei, und nur Gott versteht
ihn ganz, und niemalsderNächste, alswelchergerne
unverschämt wird, da er das Opfer begreifen soll.
Darum ist es so schwer, den Opfernden nach Men-
schenart zu messen und zu sagen, er sei gut oder
treu oder dankbar, vielmehr ist es anmaßend und
30
voreilig, ihn also gut oder treu oder dankbar zu
nennen : derOpfernde hat dasZiel in sich, und gleich
dem Liebenden ist er auch das Gegenteil von dem,
was er ist, und darum ist der Inhalt seiner Tiefe
nicht die Güte oder die Treue oder die Dankbarkeit,
sondern das Leben selber, das Sein, und sein Maß
ist die Scham.
Wer die indischen Opfermythen liest, dem wird
• derengrandioseSchamlosigkeitaufifallen, alswelche
nichts anderes ist als eine umgekehrte, auseinander-
gerissene, aufgetane Scham, gleichwie das Opfer
selber nichts anderes ist als eine umgekehrte, aus-
einandergerissene, aufgetane Schöpfung.
Ji
DER HEILIGE
DIE Bibel kennt den Begriff des Heiligen nicht,
in ihr steht der Gerechte. Der persönliche
Gott der Juden verlangt nach dem Gerechten und
will nicht, daß der Mensch über die Gerechtigkeit
hinausgehe.
Es ist leicht einzusehen, daß sich dieser Gerechte
des Alten Testaments zum Teil im christlichen Hei-
ligen wiederfinden mußte, daß sich also um dieses
Gerechten willen der reine Begriff des Heiligen im
Christentum nur selten durchzusetzen und zu ver-
wirklichen vermocht hat, denn auch hier ist der
persönliche Gott entscheidend und kann also nicht
so sehr den Heiligen wie den, der dem Gesetze
folgt, fordern, eben den Gerechten.
In der Tat haftet dem Heiligen des persönlichen
Gottes mit wenig Ausnahmen etwas Qualvolles,
Grausames, zuweilen auch Abstoßendes an, so daß
sich unser Wesen gegen diesen Heiligen sträubt
und viele sich versucht fühlen, dem Heiligen nach-
zurechnen, ob alles auch stimme. Wir wehren uns
eben aus tiefstem Wesen gegen den unreinen Be-
griff, gegen diese Vermischung des Heiligen mit
dem Gerechten.
Ranc6, der Reorganisator des Trappistenordens,
32
ist noch der beste Vertreter dieses Heiligseins im
Namen undDienstedespersönlichenGottes.Ranc^s
Zeitgenossen berichten von dessen vollkommener
Impassibilität allen Leiden gegenüber, die er an
seinen Mitmenschen sah. Wie hätte auch mensch-
liches Leiden den Zorn seines gerechten Gottes
auszuschöpfen vermocht! Wie anders konnte der
Heilige Maß werden als dadurch, daß er sich selber
vernichtete und auslöschte und mit sich auch den
Bruder und die Schwester! Vielleicht wird uns an
keinem Beispiele so deutlich, daß der große Heilige
irgendwie mit dem großen Verbrecher zusammen-
hänge, mit dem Mörder, und daß nur die Gerech-
tigkeit, das Maß Gottes, den einen vom andern
zu trennen und beide auseinander zu halten ver-
mögend sei.
Pascal und Kierkegaard haben beide wie niemand
anderer gefühlt und gewußt, wie schwer, ja un-
möglich es sei, den Gerechten und den Heiligen
zu vereinigen, wie sehr der Gerechte den Heiligen
hindern müsse, was in gewissem Sinne die Tra-
gödie dieser beiden großen Männer ist. Sie haben
gefühlt, daß es gelte ein furchtbares, unbefahrenes
Meer zu durchqueren, um vom Gerechten zum
Heiligen zu kommen, das Meer der unendlichen
und unsagbaren Angst. Kein Mensch hat es je
55
durchschwömmen und ist ans andere Ufer ge-
kommen, der Gerechte muß in diesem Meer unter-
gehen, ja es ist durchaus dessen Schicksal, hier,
in der Angst, zu sinken.
Den indischen HeiUgen wird verstehen, wer be-
griffen hat, daß dem indischen Geist die Vorstellung
des Gerechten fremd geblieben ist. Daraus allein
ist der reine Begriff und die einzige Popularität
des Heiligen zu erklären. Da es für den Inder keinen
persönlichen Gott gibt, so ist auch zwischen Gott
und dem Menschen kein Maß, und um im Rechten
zu bleiben, um Maß zu haben, muß sich der Mensch
Gott aneignen und also aus dem Ende, aus derFlucht,
die er selber ist, den Anfang und Ursprung machen,
der Gott ist. Und so darf man hier auch nicht
mehr sagen, daß Gottes Gerechtigkeit den Heiligen
und den Verbrecher getrennt habe wie mit dem
Schwerte, als welches nun bald in des einen, bald
in des anderen Hand wäre; hier gilt ganz und gar
das große, schwer zu verstehende Paradox, daß
der Heilige das Verbrechen begehen dürfe, ja daß
vielleicht kein Räuber, kein Mörder, kein Tiger,
keineSchlange da seien, in die sich nicht ein Heiliger
verwandelt hätte.
Der Gerechte soll das Maß sein von Glück und
Unglück und das eine wie das andere zu tragen
34
lernen, denn Gott hat ihn zum Maße der Menschen
gemacht und prüft ihn darum. Worin liegt die
Existenz des Maßes anders als in der Prüfung?
Gott prüft Hiob, den gerechtesten unter den Men-
schen, das heißt: er nimmt ihm die Kinder und
Herden und gibt sie ihm wieder zurück und macht
den unglücklichen Hiob von neuem zu einem glück-
lichen. Für den Inder nun würde mit dem glück-
lichen Hiob der unglückliche noch einmal anfangen
und so fort, und das Buch Hiob in indischer Sprache
könnte nie geschlossen werden, da im Menschen
kein Maß ist.
Der indische Heilige ist, indem er beides. Glück
und Unglück, überwunden hat und nicht richtet
und mißt und sich vergleicht, der eigentlich schöpfe-
rische Mensch, der aus dem Anfang kommt und
nicht flieht und sich verbirgt und gleich Hiob nach
Nachkommenschaft und Besitz verlangt. Hiobs
Kraft ist dessen eigene; der Heilige hingegen hat
die eigene Kraft verloren, und sein ist nun die
Kraft der Sonnen und der Elemente. Und darum
kann er nicht mehr fliehen oder sich verbergen, und
darum verlangt er nicht nach Nachkommenschaft
und Besitz.
Wir Europäer verstehen im allgemeinen sehr gut
den Gerechten und sehr schlecht den Heiligen, weil
3^
wir Forscher und Zweifler sind und also nach Maß
und Recht verlangen. In der Welt der Forscher
und Zweifler ist der Heilige stets unbewiesen und
zudem ein Narr oder ein Verkehrter, auch ein
Flüchtling, ein Überflüssiger, weshalb ihn die
Wissenschaft zu allen Zeiten in dem Maße ver-
spottet, als sie den Gerechten verherrlicht hat, dessen
Triumph, ja eigentliche Unsterblichkeit und Ent-
selbstung sie darstellt. Die Wissenschaft hat kein
Maß für den Heiligen, denn dieser ist im tiefsten und
entschiedensten Sinne nicht ein Menschliches, son-
dern ein Mythisches und durchaus nur dann mög-
lich, da die Menschen noch Götter und Kräfte un-
mittelbar spüren und also nicht forschen.
Gelehrte und Forscher sind befriedigt, wenn sie die
Schwierigkeit einer Sache zu ermessen imstande
sind, was wohl der Grund davon ist, daß sie nie-
mals eine Sache, sondern immer nur deren Schwie-
rigkeit und Bedeutung haben. Sie leben in einer
Welt, in welcher der Neugierige schließlich immer
um ein weniges weiter kommt als der, welcher
nicht neugierig ist. Doch der Heilige ist, indem
er die völlige und einzige Überwindung der Neu-
gier bedeutet, nicht ein Schwieriges, sondern der
Spiegel einer reinen Götter- und Kräftewelt, und wo
ist so wenig Schwierigkeit wie in einem Spiegel?
}6
Man könnte sagen, die Schwierigkeit des Heiligen
liege vor dessen Leben, vor dessen Geburt, in der
Mutter. Daher ist auch die große Bedeutung zu
erklären, welche die Volks- und Rasseneinheit für
die Züchtung des Heiligen hat, die große Be-
deutung der Mutter für ihn, die geringe des Vaters.
Man kann sagen: der Vater zeugt den Gerechten,
die Mutter gebiert den Heiligen.
Aus dem Chaos kann kein Heiliger, wohl aber der
Gerechte entstehen, dessen Geburt eigentlich immer
zufällig ist. Der Gerechte muß im Chaos zu ganz
einziger Bedeutung kommen und in dem, was die
Menschen Objektivität nennen, recht eigentlich in
der Wissenschaft sich selber übertreffen und dort,
wo ihm dies nicht gelingt oder gelingen kann, eitel
werden.
Ich habe oft im Leben staunen müssen über die
gleichsam endlose Eitelkeit der Gerechten. Sie ist
die Gefahr des Gerechten, dessen Grenze. Nur
der Gerechte wird über die Eitelkeit der Dinge
klagen, niemals der Heilige. Der Gerechte vermag
nicht zum Spiegel zu werden, und zuletzt kann der
Mensch die Eitelkeit nicht anders verlieren als da-
durch, daß er zum Spiegel werde. Schwer, ja un-
möglich ist es für den, der aus dem Chaos geboren
wurde, zum Spiegel zu werden. Darum verlangt
37
er mehr denn andere nach dem Gerechten, nach
dem Richter.
Der Gerechte lebt in der Geschichte und ist hier
stets seiner Wirkung gewiß. Sein Ausdruck ist die
Tat und kein anderer, und wer ihm das Ziel nimmt,
macht ihn eitel. Man erkennt ihn an den ihm ganz
eigenen Sinn für Ursache und Folge, als welcher ihn
zum eigentlichenOrganisator bestimmt und zugleich
höchst ungeduldig, strebsam, wankelmütig, neue-
rungssüchtig, kurz, zum wahren Europäer macht.
Dem Heiligen, dem Inder überhaupt fehlt dieser
Sinn für die nächste Ursache und Folge, woraus
wir einerseits dessen Unfähigkeit zu organisieren,
von außen einzugreifen, andererseits die große
Leidensfähigkeit, die Geduld, aber auch den Hang
zur Lüge in ihm erklären mögen.
Der Heilige, sage ich, ist durch nichts so sehr be-
stimmt wie durch seine gänzliche Unfähigkeit, die
nächste Ursache und Folge zu sehen und, was das-
selbe ist, an den Erfolg zu glauben, das heißt: er
kann sich selber nicht beschränken, er sieht über-
all und in jedem Augenblicke den ungeheueren
Drang der Kreatur, die entsetzliche, grenzenlose
Begierde, die Raserei des mit dem Leben Behafte-
ten, dessen Verschwendung und Verzweiflung, den
unsagbaren und ewigen Verlust, und dagegen ist
38
sein Leben, ist der Wille des Heiligen gerichtet.
Er ist die andere Richtung, und was wir Askese
nennen, worin der Gerechte nur eine Selbstbe-
raubung sehen kann, ist Gegenkraft, und so stürzen
um des Heiligen willen die Gestirne nicht ein und
stehen die Sonnen und faulen die Wurzeln von den
Bäumen nicht weg, und Tag und Nacht wechseln
im gleichen Maße, und die Menschen vergleichen
sich, und das Tier gebiert in Schmerzen/^
Weil das Leben des Gerechten nur in der Geschichte
zuverwirklichen ist, darum ist er auch vordem Ende
nicht glücklich zu preisen. Der Heilige ist vor dem
Ende glücklich, denn in ihm kehrt das Meer zur
Quelle zurück. Das will er, von Jugend an hat er
nur den einen Wunsch, daß das Meer zur Quelle
zurückkehre. Der Gerechte muß und will, wie die
Menschen sagen, gegen den Strom schwimmen,
nur so kann er zur Quelle, zu sich selber.
Der Heilige, sage ich, ist vor dem Ende glücklich,
in der Upanishad heißt es: „Der Schauende schaut
nicht den Tod."
Und das unterscheidet den Heiligen auch vom
Geistesmenschen, als welcher seiner Anlage nach
stets Vorläufer ist, von sich selber noch geschieden
und darum zum Werke und zum Schaffen bestellt.
Der Geistesmensch verhält sich zum Heiligen wie
39
die Art zum Individuum. Der Geistesmensch ist
Art, Verkörperung; seine Sache ist die Sache des
Geistes, nicht seine eigene; auch seine Moral ist
durchaus repräsentativ. Ein unfruchtbarerGeistes-
mensch ist hiermit im Widerspruch mit sich selber
und entschieden verkehrt; der Heilige ist unfrucht-
bar.
Der erste Mensch, von dem die Mythen der Völker
erzählen, der Mann und Weib zugleich ist, war
ein Heiliger und kein Geistesmensch. Nur der
Geistesmensch ist unsterblich, nicht der Heilige,
denn die Unsterblichkeit ist noch ein Leiden der
Zeit, ein letztes, und der Heilige vermag nicht mehr
zu leiden.
Weil der Gerechte so schwer zu verwirklichen ist
ohne Gottes persönlichen Eingriff (der Gerechte
des Alten Testaments war in ununterbrochenem
Verkehr mit Gott und hatte das Maß und Wissen
aus Gottes Hand und Mund), darum haben die
Menschen den Begriff. Den Begriff im höchsten
Sinne. Oder das, was wir Kultur, Tradition, Sitt-
lichkeit, Kunst nennen. Der Begriff ist die Hinter-
lassenschaft, die Unsterblichkeit des Gerechten,
um dessentwillen .stets von neuem die Freundschaft,
die Güte, die Treue lebendig sind und durch die
Geschlechter getragen werden. Ohne den Begriff
40
wären die Menschen entweder gemein oder nur
Liebhaber, Sammler, Dahingerissene, Spieler, vom
Gegenstand entwertet, vom eigenen Werke ver-
schlungen. Ohne den Begriff vermöchte der Mensch
nicht anders als durch Selbstverrat fortzuleben, als
welcher entschieden die dem Gemeinen eigene und
angeborene Form ist, und so müßte stets von neuem
der Mut in der Feigheit und das Erlesene im Ge-
schwätz untergehen. Denn nur durch den Begriff
ist das Hohe vom Niedrigen getrennt, und richtig
verstanden ist auch der Elefant nur um des Be-
griffeswillen größer als die Maus. Ich meine, wenn
es gelänge, aus dem Elefanten und aus der Maus
den Begriff zu eliminieren, wie das Künstler immer
wieder tun, so müßte die Maus so groß werden
wie der Elefant und der Elefant so groß wie die
Maus.^^
Daß nun der Mut Mut, das Wort Wort bleibe, das
und gar nichts anderes ist Kultur, ist Begriff, ist
die bleibende, die große Tat des Gerechten. Und
darum, im Sinne der Kultur, im Sinne dieser großen
Tat ist es gar nicht so wichtig, daß ein Mensch
gütig oder treu sei und liebe, als daß eben die Güte,
die Treue, der Mut, die Liebe da seien. In den
Buchstaben, in den Bildern, in den Denkmälern,
aber auch im Gedächtnis, in der unsterblichen Seele
41
des einzelnen, des verlorenen, des sterblichen Men-
schen. Man kann also vom Gerechten sagen, er
habe die Güte, die Treue, den Mut, die Bosheit,
ohne daß er selber gütig oder treu oder mutig
oder böse sei, und es ist gut, daß es so ist.
Ich nehme hier durchaus die Partei des Gerechten
gegen alle die, welche ihn einen Heuchler nennen,
nicht wissend, daß die Heuchelei oft nur das
Leiden des Gerechten sei, dessen Opfer, vielmehr
dessen Unfähigkeit, sich zu opfern. Die Existenz
eines Staates, das Leben der Familie ist ohne diese
Gerechten nicht möglich, so die Liebe haben, ohne
zu lieben. Der Gerechte allein darf töten, ohne
Mörder zu sein, und also sind die Kriege in einem
ganz bestimmten Sinne Ausdruck der Kultur, denn
sie allein nähren und erhalten den zeitlichenFrieden.
Ist es nicht recht eigentlich der Triumph des Ge-
rechten, der Kultur, der Triumph des Begriffes,
daß der Krieg, vielmehr seine Furchtbarkeit, ja
Unmöglichkeit heute die beste und einzige Gewähr
des Friedens sei?
Der Gerechte kann sich nicht opfern, habe ich
gesagt. Der Gerechte kann sich selber nur wider-
legen, und gleich ihm können auch ein Staat, eine
geschichtliche Periode, eine menschliche Kultur
sich nicht einer anderen opfern, sondern nur sich
42
selber widerlegen, mit anderen Worten: zu Ende
sein, was zu begreifen die nicht leichte Aufgabe
des Historikers ist.
Und hier setzt der Heilige ein, hier ist der Heilige
einzusehen: der einzige Mensch, der sich selber
nicht widerlegen kann, der einzige Mensch, der
von Grund aus nicht begreifen kann, daß der Frie-
den nur durch den Krieg erhalten werde, der wahre
Bringer des ewigen Friedens, er, der den Tod
nicht schaut. Und so ist der Heilige stets gegen
die Kultur und gegen den Begriff.^"' Ja, der Begriff
scheint dem Heiligen nur da zu sein, um verkehrt
zu werden, da sein Auge sieht, daß die Menschen,
die den Begriff haben, einander nur lieben, um
einander nicht zu hassen, und öffentlich gerecht
sind, um einander heimlich Schaden zuzufügen. Und
der Begriff wird dem Heiligen nur die Entfernung
bedeuten, die den Menschen von sich selber und
von dessen Sachen trennt, und der Mensch wird
ihn haben, weil er sich selber fremd ist und ent-
gangen, oder der Mensch wird ihn haben, weil er
die Sache nur zu besitzen^^ und nicht zu sein ver-
mag. Für den Heiligen gibt es keinen anderen
Besitz als das Sein selbst, und darum wird er
weder schwärmen" noch des Rechtes bedürfen,
und weil er überall ist, werden ihn die Menschen
43
nicht sehen oder nur als einen Verwandelten wahr-
zunehmen fähig sein. Und als ein solcher Ver-
wandelter ist der Heilige das Gegenteil, ja zu-
weilen der Feind und der Tod des Gerechten.
Denn gleichwie dieser die Liebe hat, ohne zu
lieben, so, kann man sagen, liebt der Heilige ohne
Liebe, ist er treu ohne Treue, dankbar ohne Dank-
barkeit, gerecht ohne Gerechtigkeit und böse ohne
Bosheit.
44
VON DEN ELEMENTEN
DER MENSCHLICHEN GRÖSSE
(191 1)
übi magnitudo,
ibi veritas.
Augustinus.
Dem Prinzen
Alexander von Thurn und Taxis
GEWIDMET
EINLEITENDE SÄTZE
DAS neue Geschlecht nach Goethe hat dadurch,
daß es den Begriff der Persönlichkeit an die
Stelle jener alten, eudämonistischen Vorstellung
vom vollkommenen Menschen setzte, dartun wollen,
daß die Menschheit von nun an ihr Ziel im Men-
schen selber suche. In der Tat war dieser voll-
kommene Mensch vor Goethe allmählich zu einer
bloßen Parade geworden, und der Mensch hatte
sich um der Vollkommenheit willen zu sehr von
sich selber entfernt. In der neuen Persönlichkeit
sollte er sich näher gebracht und also leistungs-
fähiger und kriegstüchtiger werden. Persönlich-
keit, so wie Goethe sie forderte und in einem ein-
zigen Sinne auch verwirklichte, bedeutet darum
dem vollkommenen Menschen gegenüber Kraft-
ersparnis, einen kürzeren Weg des Menschen zu
sich selber und nicht ein anderes Maß.
Persönlichkeit heißt ganz entschieden nicht, daß
ein Mensch groß und stark und anders als die
anderen sei, sondern daß der Mensch und die Welt
nicht nur zufällig übereinstimmen und ineinander
greifen, daß sie voneinander das Maß haben und
ineinander zu finden seien. Persönlichkeit ist also
keineswegs um ihrer selbst willen, sondern ganz
47
genau um aller Dinge willen da, worin allein ihre
eigentümliche Klarheit und ihr Glück liegen.
Bis zum Überdruß hören wir vom Schaffenden,
vom Berauschten, vom Dionysischen/ doch kommt
es nur darauf an, daß Mensch und Welt aneinander
nicht verlieren und sich gegenseitig nicht zu-
schanden machen. Und das heißt dann Maß und
Größe.
Es ist wie mit dem Frommen. Der wahre geht an
Gott nicht zugrunde, und Gott wird am Frommen
nicht zuschanden. In einer solchen Frömmigkeit
ist Maß und Größe, und es ist darum nicht not-
wendig, daß der Fromme es von Gott ganz be-
stimmt wisse, wie groß die Frömmigkeit sein
müsse.
Die Frommen heute, diese gleich berauschten,
gleich schaffenden Frommen, erschöpfen sich an
ihrem Gott. Vielleicht sind sie frömmer, wenn
man ihren Worten glaubt; es ist in den meisten
Fällen überhaupt nicht zu sagen, wie fromm diese
Schaffenden sind, aber in ihrer Frömmigkeit ist
kein Maß und keine Größe.
Es irren so viele von den Menschen, die an Per-
sönlichkeit glauben, darin, daß sie meinen, es gebe
eine Persönlichkeit aufs Ungewisse, auf alle Fälle,
als Schauspiel, Provisorium und bloße Erregung;
48
früher, ist ihre Ansicht, sei der Mensch gläubig
gewesen, weil es einen Gott, und tapfer, weil es
immer Krieg gegeben hätte, heute gebe es keinen
bestimmten Gott und nur höchst selten einen
Krieg, also sei man statt gläubig und tapfer Per-
sönlichkeit. Für das Manöver gleichsam, eben aufs
Ungewisse, in permanenter Entwicklung. Ich
glaube nun, es gibt keine Persönlichkeit, ohne daß
nicht ein Sein oder ein Maß oder eine Größe im
Geiste oder im Glauben des Menschen gesichert
und bestimmt wären. Und nur um dieses Maßes,
um dieser Größe willen ist Persönlichkeit gültig
und nicht aufzuheben. Das heißt mit anderen
Worten : während der gewöhnliche Mensch glück-
lich oder unglücklich im Ungewissen lebt und in
seiner Art unbeschränkt ist (das Gewöhnliche ist
in der Tat durch nichts zu beschränken), lebt die
Persönlichkeit in einer gewissen Welt. Es gibt
kein Maß und keine Größe des Ungewissen.
Noch das: ein Bruch im Individuum und in der
menschlichen Gesellschaft ist stets dort zu beob-
achten, wo zwei Gesetze herrschen: eines für den
Herren und eines für den Diener. Nun glaube man
nicht, daß dieser Bruch die Bildung der Persön-
lichkeit begünstige. Vielmehr gedeiht in dieser
Kluft niemand besser als der Schauspieler, und es
49
ist höchst verderbh'ch, hier den Schauspieler mit
der Persönlichkeit zu verwechseln, was heute so
oft geschieht. Persönlichkeit ist Autorität oder
gar nichts. Persönlichkeit ist stets nur ein Maß
und Gesetz und darum groß.
50
DER INDISKRETE MENSCH
DASS der moderne Mensch im ganzen so in-
diskret ist, soll gar nicht bedeutende Fähig-
keiten in Abrede stellen: seinen Spürsinn, seinen
Witz, seine Anempfindungs- und Stimmungsfähig-
keit und auch nicht eine gewisse Einbildungskraft,
soweit diese eben mehr in der Fähigkeit liegt,
sich in Stimmung zu setzen, als sich zu verwandeln.
Aber als Material zur Größe taugt er nicht. Man
kann aus einem indiskreten Menschen keinen großen
machen, wie immer man es anstelle. Sein Wesen
drinnen ist brüchig und cavos und geteilt. Und
sein Werk darum auch voll Reiz, doch ohne Ge-
stalt und Gesetz und vermag uns darum wohl an-
zuregen, aber nicht zu bestimmen.
Dieser indiskrete Mensch ist zerstreut von innen
heraus, und darum wirkt er nicht trotz vielerMittel.
Er vermag nicht zu repräsentieren und bricht
immer wieder ab. Seinem Dasein fehlt die Vor-
sehung, das innere Gesetz und die Folge, und
so läuft sein Leben ab und ist stets irgendwie ver-
schwendet und verworfen.
Diese Indiskretion, von der ich rede, ist schlechte
Ökonomie und Verfassung, kein Laster, aber eine
Unordnung und Heillosigkeit tief drinnen, was ja
51
in einem gewissen Sinne viel schlimmer ist. Der
moderne Mensch ist damit geboren. Ich möchte
sagen, es ist diejenige Krankheit der Seele, bei der
die menschliche Persönlichkeit am wohlsten aus-
sieht, und man darf sie mit gewissen Herzerkran-
kungen vergleichen, die ein Unkundiger dem
Kranken wegen dessen guter Farben nicht ansieht.
Also ist dieser Indiskrete tief und doch nicht tief,
sublim und doch nicht sublim, geistreich und im
tiefsten, entscheidenden Sinne ohne Geist, groß
und doch klein. Er ist, weiter, nicht ohne Inner-
lichkeit, und doch beneidet er die Leichten und
Oberflächlichen und ist also, wenn ich es so sagen
darf, unglücklich über seinem eigenen Glück. Ist
das nicht ganz und gar Mangel an Maß : also inner-
lich zu sein und nach den Leichten zu schielen?
Ist das nicht ganz deutlich ein Fehlen von Größe
und Bestimmung: sich also mit sich selber immer
wieder aufzuheben? Und dies ist die Folge jenes
unseligen inneren Zustandes, daß dieser indiskrete
Mensch niemals ganz ohne Verrat aus sich her-
aus kann und jeglicher Äußerung seines Wesens
etwas von Frevel, ja eine gewisse Schamlosigkeit
anhaftet.
Wer ist ihm noch nicht begegnet, diesem un-
typischen, unsatten und undichten Geschöpf mit
52
dem überhitzten Blick, dieser Kreatur ohne Sinn-
Hchkeit mit der wollüstigen Fratze,- diesem Men-
schen voll von Gegensätzen und Brüchen und ohne
Spannung? Wer kennt ihn nicht, diesen Genuß-
menschen ohne Geschmack, den tristen Erotiker,
den mitleidsvollen Ästheten, den Patrioten aus Ver-
zweiflung und ohne Überzeugung, den Frommen
ohne Glauben?^ Wer stößt nicht täglich auf diese
Überlebendigen und doch schon Toten? Auf diese
ewig Entzückten' und doch Flüchtigen? Auf alle
die mit mehr Worten als Dingen, welche darum
lieber mit einem ganzen Buche unrecht als mit
einem einzigen Satze recht haben ?^
Dieser Mensch ist indiskret, weil ihm der Gegen-
stand, und er ist ohne Gegenstand, weil ihm die
Hingebung fehlt. Und er wird niemals begreifen,
daß die Welt nur für den bestimmt ist und gegen-
ständlich und wirklich wird, der sich hinzugeben
vermag. Ich möchte diesen indiskreten Menschen
einen entarteten Pedanten nennen, einen Pedanten,
der plötzlich, über Nacht, ohne Grund zu ver-
schwenden begonnen hat, den Pedanten einer
ganz unwirklichen, unheimlichen Welt, den Pedan-
ten mit dem Hunger nach dem Anderen, nach dem
Fremden, innerlich voll Angst und Todesfurcht.
Ich sage, er ist ohne Hingebung. Und vielleicht
53
ist das seine Tragik, daß er einmal sich hinzugeben
versucht hat und dabei fühlen mußte, daß er sich
entwerte, was ihn schließlich dazu trieb, schwer-
mütig und frivol zugleich und zum Spieler zu
werden in einer Welt geheimnisvoller Bestim-
mungen.
Der Spieler ist notwendig indiskret, d. h. ihm ist
alles preisgegeben, und er entwertet die Dinge,
gleichwie der Wollüstige sie entwurzelt. Seine
Seele ist maßlos, er tut und fühlt vieles und nur
das Eine nicht, und darum wird er die Angst nicht
los, so daß man wohl behaupten möchte, die Angst
sei sein Maß. ,, Eines aber tut not" — dieses Wort
Jesu ist gegen den Spieler, gegen den Indiskreten
gerichtet. Martha war vielleicht im Mittelalter die
Tätige, da man eine ganz bestimmte Weise hatte,
Gott zu dienen; heute ist Martha die Indiskrete
und Zerstreute und ein Sinnbild jener, deren Maß
die Angst ist. Alles, was sie tut, ist vertan und
verstreut, da die Angst nichts zu halten und zu
sammeln vermag und stets verliert. Ihre guten
Gefühle sind alle verschwendet an eine fremde
Welt, und so ist sie stets ohne das Gute, das sie
gewirkt und gefühlt hat, und darum ohne Wert
und ohne Maß. Maria hat das Maß, und sie ist,
und darum ist sie groß.
H
Man erkennt den Indiskreten durchaus an dessen
Werk, das ohne wahre Innigkeit und also ohne
Form ist. Der Indiskrete kommt nicht über die
Antithese hinaus und darum nie zu einem Ge-
schmack des wahren Wesens der Dinge.*' Die
Antithese ist recht eigentlich die Form jener, die
innerlich voll Angst sind, die Form der entarteten
Pedanten, eben jener Tiefen, die nicht tief, und jener
Großen, die nicht groß sind.'
Ich sage, die Antithese ist die Form des Marsyas,
der vomGotteApollon geschunden wurde. Marsyas
war ein Indiskreter im griechischen, im großen
Stile, ein Maßloser, und darum wurde er geschun-
den. Das entsprach.
Wenn ich behaupte, daß der Indiskrete kein Material
zur Größe sei, so will ich damit nicht gesagt
haben, daß er kein Bedürfnis nach dem Großen
empfände. Er hat, möchte ich sagen, dauernd einen
kranken, den falschen Appetit nach dem Großen,
nach dem Helden, nach der großen Persönlichkeit,
nach dem großen Ereignis, nach der Schönheit,
und er ermüdet nicht an seinem Wunsche und
seiner Gier. Und was er wünscht und verehrt, ist
immer das ganz Andere, das Fremde, das aus dem
fremden Lande, das da kommt und verschwindet
und zu nichts verpflichtet ; was er wünscht und ver-
35
ehrt, ist durchaus der Schauspieler. Ich meine,
durch nichts verrät er so deuthch seine Herkunft
aus dem Vulgären und WillkürHchen und Mittel-
mäßigen wie dadurch, daß er Größe nur noch im
Schauspieler und Größe nicht mehr ohne die Ver-
mittlung des Schauspielers gewahr zu werden
fähig ist.
Oder er hat das amerikanische Ideal von Größe,
den exzessiven Menschen, den Superlativ, den
Spezialisten, die Unmasse, die Größe des Tages,
den Tenor, Rooseveldt, den Milliardär, den Boxer,
überhaupt das ganz Lose, und er verehrt seinen
Helden dadurch, daß er ihn karikiert. Karikatur
ist umgekehrte Monumentalität und vielleicht die
einzige ursprüngliche Art des Indiskreten, groß
zu sehen, und die einzige Möglichkeit, das von
Natur aus Indiskrete und innerlich Formlose groß
auszudrücken. ^
56
DER KREIS
DEM indiskreten Menschen von heute ist nichts
so fremd geworden wie das antike Ideal von
menschHcher Größe, und doch, glaube ich, dürfte
ihn über die Möglichkeit des eigenen nichts gründ-
licher aufklären als ein deutlicher, ganz unroman-
tischer Begriff von der antiken Größe, wozu ich
gleich bemerke, daß diese antike Größe nicht nur
dem Menschen der Bibel oder dem Griechen und
Römer eignete, sondern jedem Menschen, auch
dem gegenwärtigen, eingeboren und eingezeich-
net ist.
Der antike Mensch ist außerstande, im Feinde
seinen Bruder zu sehen. Er ist ganz allgemein
der Mensch im Kampfe mit der Natur, mit dem
Objekte, und so lebt er durch alle Jahrhunderte
hindurch im Soldaten, im Staatsmann, im Ent-
decker, im Kaufmann, aber auch im Forscher, im
Gelehrten, im Arzt. Er ist der tätige, der han-
delnde Mensch im weiten Sinne, der Sohn der
Natur, der Schmied seines Schicksals und der
Geber der Gesetze, er ist auch der Künstler, der
große Baumeister. Und damit ist er bestimmt,
daß er das Leben nicht ohne Feind weiß und will,
und das ist gut und groß so, denn also wird ein
57
Mensch sich selber nicht feind, und also vermag
des Menschen Größe im Maße zu ruhen : dort, wo
der antike Mensch sie stets sieht und sehen muß.
Nichts wird der indiskrete Mensch, den man einen
Menschen ohne Feind nennen möchte — er hat in
der Tat keinen Feind, d. h. er weiß im Grunde nie,
was er will, und ist vague — nichts, sage ich, wird
der indiskrete Mensch weniger verstehen, als daß
Größe nur im Maße liege, was immer der Mensch
tue, und daß den antiken Menschen also das Ge-
setz und die Sitte stärken und vermehren. Der
antike Mensch wird durch das Gesetz größer, "
denn er sucht nicht sich selber, sondern die höhere
Gesinnung, und größer als das einzelne ist das
Geschlecht und mehr als das Geschlecht der
Staat, und über dem Staate sind die Götter. Auf
diese Weise ist nichts versäumt und verschwen-
det, und der Mensch gemessen, reif und erfüllt,
und alles, die Familie, der Staat, die Götter und
die Natur, weist ihn an, groß zu sein. Groß um
des Gesetzes, um des Ganzen willen.
Es ist so: der moderne Mensch vermag nicht, da
er einsam ist und zwiespältig und in den Dingen
sich selber sucht, diese Dinge ohne Einbildungs-
kraft groß zu sehen; für den antiken Menschen
sind die Dinge groß, weil alle Großheit im Maße
58
liegt und alle Großheit Gerechtigkeit birgt. ' ■ Wie
hätte er sich in Dingen erst suchen sollen, die
schon gemessen sind! Wie war nicht gerade durch
die Gemessenheit der Dinge die Tätigkeit des
Menschen bestimmt und entschieden! Und wie
ist es nicht durchaus das Wesen des antiken Men-
schen, statt sich selber zu suchen, groß zu han-
deln!?
Um dieses Maßes und um dieser natürlichen Größe
willen findet er so mühelos, so ohne Qual die Über-
gänge vom Wort zum Ding, vom Gedanken zur
Tat, von der Dichtung zum Leben, was ihn alles
in so hohem Grade zum Lehrer und zum Gesetz-
geber befähigt. ^^ Ja, das Wort ist hier Ding und
der Gedanke Tat, insofern als sie groß und ge-
messen sind. Ich möchte darum sagen: die Ein-
heit des antiken Menschen ist nicht Innigkeit,
sondern Großheit und Maß.
Der moderne Mensch findet die Übergänge — nicht
dank einem eingeborenen Maße, sondern als Lieben-
der, und zwischen den beiden Welten seines Wir-
kens und seiner Sehnsucht ist eben die Einbildungs-
kraft, die man wohl die Größe und das Maß des
Liebenden nennen muß. Für den antiken Menschen
ist groß das, was ist, im Sein selbst ist das Maß,
und um dieses Maßes, um des heiligen Maßes
59
willen darf er die Dinge nicht vertauschen und
verstellen. ^^
Das Maß ist ein heiliges, sage ich, denn der Mensch
und die Welt sind nur durch das Maß geeint, und
es gibt keine andere Einigung als durch das
Maß.^^
Der moderne Mensch kann sich das Sein ohne
Werden nicht vorstellen, nicht ohne Qual, für den
antiken ist das Werden recht eigentlich das Maß.
Überall, wo Maß ist, da ist ein Ding schon ge-
worden und rechtzeitig und unersetzlich und gut
und ohneQual und Lüge. Auf diese Weise begreift
man auch, warum das Gute für den antiken Men-
schen nicht Entwicklung, sondern Gegenwart und
Wirksamkeit, warum es stets Reife des Wesens,
ja in einem gewissen Sinne Todesbereitschaft ist.
Größe ist niemals ohne Zweck und Ende, und also,
darf man sagen, heiligt auch der Tod die Dinge
und macht sie groß.^*
Die Tugend der christlichen Menschen ist eine
Brücke und eine Spannung; die des antiken: Maß,
und so ist dieser antike Mensch um seiner Treue,
um seines Mutes und Zweifels, um der Liebe und
um des Hasses willen nicht Mensch gleich dem
Christen, sondern eben groß.
Und so ist auch das Opfer nicht Wiedergeburt,
60
sondern nur groß. Und die Menschen und alle Dinge
sind groß und gemessen gleich den Opfertieren
auf römischen Tempelfriesen: nicht als Zeichen
einesÜbermäßigen,sondernweil sie sterben müssen
in der Fülle der Zeit . . .
Was der moderne Mensch ist, das ist er auf dem
Hintergrunde einer unendlichen Einsamkeit. Daß
unser Werk uns vernichten muß, wenn es leben
will, das ist Einsamkeit und Maßlosigkeit. ^^ Der
antike Mensch war nicht einsam in diesem tiefen
Sinne, sondern in ebendem Sinne und ebendem
Grade glückselig (nicht glücklich). Glückseligkeit
heißt, daß den Tätigen das eigene Werk nicht zer-
stört, daß vielmehr Dinge und Menschen sich ge-
genseitig stärken und aneinander teilnehmen und
die Kräfte tauschen. ^^
Der Einsame muß ursprünglich sein und darf nur
Ruhe finden in seinem Ursprünge, der Glückselige
gegenwärtig, er ist immer ursprünglich und mächtig
und groß, so er gegenwärtig ist, und hat also nie-
mals seinen Zweck verfehlt. ^^ Der indiskrete
Mensch von heute ist sehr geneigt, im Vorhanden-
sein von Zwecken und Zielen einen Mangel an
Eigenart zu sehen, und lebt darum in der dauern-
den Furcht, sein Inneres an ein Äußeres zu ver-
lieren, ^® und hält sich für tief, sooft er in sich geht
6i
und Bekenntnisse macht. Die Eigenart des antiken
Menschen ist Fülle, und durch das Ziel, durch die
Tat sucht er die Fülle zu messen und zu bestimmen,
und der eigenartigste Mensch ist darum ganz
natürlich der größte, der Mensch des höchsten
Zweckes und des weitesten Zieles, der Befehlende,
der Gesetzgeber, der König.
Die antike Persönlichkeit ist erfüllt, gleichwie der
menschliche Körper ein Erfülltes ist, gleich dem
Meere, gleich dem Gestirne, gleich demTiere, gleich
der Blume. Sie ist nicht persönlich, sondern im
eigentlichen Sinne elementar. Und darum ist sie
nicht zu entwurzeln, weil sie im Ganzen ihre
Wurzeln hat und überall an ihren Ursprung rührt
und dem Meer und der Erde und den Blumen und
Gestirnen geheimnisvoll verwandt ist. Schicksal
ist recht eigentlich ihre Innigkeit, und was sie be-
deutet, das bedeutet sie nur durch ihr Maß. Also
ist es ihr weder ein Bedürfnis noch möglich, über
sich selbst hinauszukommen.^^ Sucht das Meer,
suchen die Gestirne, suchen die Blumen über sich
selber hinauszukommen? Sie sind im Ganzen, und
ihr Geheimnis liegt in ihrer Bestimmtheit.
Es ist eine den Romantikern und deren mehr skep-
tischen Erben geläufige Anschauung gewesen, der
große Mensch sei im Grunde seines Wesens Dichter,
62
ein Übermäßiger und Überflüssiger, ein Empörer
und Bekenner, und seine Siege und Taten seien
seine Gedichte. Friedrich Nietzsche spricht in
einem Briefe einmal von Bismarck als ,,dem einzigen
Dichter unter den Deutschen". Für Balzac sind
die großen Leidenschaftlichen, was immer das
Ziel ihrer Leidenschaft sei: Geld, Frauen, die
Kunst, die Mathematik, die eigenen Töchter -
für Balzac sind diese großen Leidenschaftlichen
alles Dichter.
Diese Anschauung ist unantik, denn groß im an-
tiken Sinne ist ein Mensch nur, insoferne als er
entspricht. Der größte Mensch, Caesar oder Napo-
leon, entspricht mehr denn die anderen der ewigen
Ordnung der Natur, er ist unendlich viel selbst-
verständlicher und klarer als der Mittelmäßige, der
durchaus ungegliedert und undurchsichtig und aus
keinem Gesichtspunkt zu übersehen und über-
haupt etwas ganz Zufälliges ist, weshalb er sich
so oft durch ein Bekenntnis zu behaupten oder zu
retten oder zu übertreiben sucht.
Größe im antiken Sinne ist angeboren, und wer
eines Menschen Größe ermessen will, soll nicht
nach dieses Menschen Bekenntnissen forschen,
denn das Maß der menschlichen Größe ist nicht
im Gefühle, wie die ewig Bekennenden meinen,
6}
sondern im Gestirne, welcher Umstand die großen
Menschen auch in so wunderbarer Weise schweig-
sam macht. Zuletzt trennt diese Menschen, die
durchaus Kraft und Wirkung sind und sich darum
stets überheben und einander eigentlich vernichten
müßten, doch nur eines: deren Gestirn. Und nur
um dieses Gestirnes willen sind die Großen einsam
und nicht aus Pathos oder Scheu. ^^
Der Zusammenhang des Vielfachen im Menschen
und das Maß im Laufe der Planeten sind eines, so
haben die Alten stets Größe begriffen. Wir Mo-
dernen bewundern die Begeisterung und fühlen,
daß durch sie und im Begeisterten die Einheit von
Körper und Seele hergestellt sei und dem Men-
schen also zur Größe nichts fehlen könne. Die Be-
geisterung des antiken Menschen ist die Kraft und
Tugend seines Gestirnes, der Mensch ist außer-
stande, sich über sein Gestirn hinaus zu begeistern,
und so mag man es auch erklären, warum nur
wahrhaft große Menschen in ihrer Begeisterung
zugleich nüchtern zu sein verstehen.
Es ist durchaus das Kennzeichen des großen Men-
schen, daß er leichter denn andere aus einem Zu-
stand in einen anderen überzugehen vermag, daß
sich seine Stimmungen und Affekte rein vonein-
ander lösen und die vielen Lagen und Verfassungen
64
seines Wesens sich nicht ineinanderschieben oder
gegenseitig aufheben. In ihm sind die Freude, der
Schmerz, die Liebe, der Haß, der Schlaf, das
Wachen, Sieg und Erschütterung dicht nebenein-
ander. Diese prachtvolle Gliederung und Gelenkig-
keit seiner Natur ist nur ein Zeichen davon, daß des
großen Menschen Maß und Ordnung das Maß und
dieOrdnung der ganzenNatur sei. Und nichtdavon,
daß er ein Schauspieler und Rollen zu tauschen
fähig sei, wie ein indiskretes Geschlecht meint, auf
das nur der Augenblick zu wirken vermag.
Und nur weil er groß geboren ist und nicht als
Dichter, ist der Mensch das ,,Maß der Dinge", wie
die Alten sagten. Und nur als ein solches „Maß
der Dinge" ist er einig mit sich selber. Und darum
könnte er die Unendlichkeit durchmessen, ohne
daß er sich selber begegnete und also mit sich
selber entzweite. Wie vermöchte das Maß sich mit
sich selber zu entzweien?!
Und doch ist auch der antike Mensch sich selber
begegnet und tut es immer von neuem: in der
Tragödie, im Wahnsinn. Hier versucht er in
Wahrheit, sich mit sich selber zu messen, und
also muß er sich vernichten und darferst im Tode
Maß und Größe finden.
Tragödie heißt, daß im Ich, in diesem einzelnen,
65
losgelösten, vielleicht außerordentlichen Menschen
kein Maß und keine Größe sei, und das ist der
Tragödie tiefste und zugleich menschlichste Lehre.
Der antike Mensch — hier unterscheidet er sich
vom christlichen — sieht von außen in die Welt
hinein, aus einem Hellen in ein Dunkles. Wie
könnte er auch in dieser gemessenen Welt des
Kosmos und der Tat anders als von außen nach
innen sehen! Nur in einer unendlichen Welt sieht
der Mensch von innen. Der antike Mensch sieht
von außen in die Welt hinein, wie Jäger und
Krieger zu sehen pflegen, und da mußte, sooft er
nicht Beute machen, sondern erkennen wollte,
seinem Blicke der Mensch unbegreiflich und dunkel,
ja toll, verstört und wahnsinnig erscheinen. Wer
von uns hat noch nicht so von außen, aus
dem Hellen, einem Menschen, irgendeinem, dem
Nächsten, in die Augen gesehen und dort tief
drinnen nicht das Ich, nicht Persönlichkeit, kein
Zieh keine Gestalt und kein Maß, sondern eben
das Tolle, Wirre und Wahnsinnige, die Gier, ein
Tierhaftes, Dämonisches erschrocken erschaut?!
Das ist eben der für die Tragödie geborene, maß-
lose, ganz losgebundene, über sein Gestirn hinaus
begeisterte Mensch, dem erst im Tode Maß
und Größe zu finden bestimmt ist. ^^
66
DAS KREUZ
DAS unterscheidet den christlichen Menschen
von dem antiken: die FeindesHebe. Nichts
anderes. Es soll damit noch nicht gesagt sein, daß
der christliche Mensch darum der bessere sei, nein,
Feindesliebe heißt, daß die Liebe maßlos sei von
Anbeginn und ohne Grenzen — nicht groß, son-
dern maßlos — und daß dieser christliche Mensch
nicht gleich dem antiken Menschen groß, sondern
maßlos geboren wurde mit seiner geheimnisvollen
Feindesliebe. Und das Gesetz dieses maßlosen
Menschen ist dann nicht Stetigkeit, sondern Stei-
gerung,- welche gleichsam in der Maßlosigkeit for-
miert erscheint, und der Bund dieser Maßlosen ist
nicht die Freundschaft, sondern die Liebe, welche,
wie Jacob Böhme sagt, ,,in gewisser Hinsicht
mehr ist als Gott".
So nun dieser Maßlose sich selber zu messen sucht,
fühlt er das Fehlen und die Schuld ganz unmittel-
bar; man darf darum s^gen, daß die Schuld das
Maß des Maßlosen sei und daß es für den Christen
keine andere Größe gäbe als die Schuld. Und man
ersieht daraus, daß der christliche Mensch anders,
recht eigentlich verkehrt mißt und daß für ihn Ver-
lust Gewinn und Flucht Sieg ist um dieser Fein-
67
desliebe willen und daß im wirklichen, ganz stren-
gen Sinne groß und erwachsen nur der Sünder sei,
der Empörer, der Schuldige, der Feind. Der
christliche Mensch, der evangelische, an und für
sich ist nicht groß, sein Wesen ist Innigkeit, und
zu ihm sind die Worte gesagt worden: ,,So ihr
suchet, werdet ihr finden." Wer will hier messen,
wo alles Glück, 3i\\e fortune, in der Innigkeit des
Menschen liegt!?
Die Schuld ^'-^ ist das Maß des Maßlosen, das heißt
auch: der vaguen Kreatur wird und soll dieser
Begriff fremd bleiben. Die vague Kreatur ist ohne
diese Schuld, und man soll sie ihr darum nicht ein-
reden. Schuld ist Größe. ^^ -^
In der Schuldlosigkeit des antiken Menschen liegt
dessen Harmonie, und durch diese Schuldlosigkeit
ist der antike Mensch kräftig und groß und den
Elementen verwandt. Der antike Mensch braucht,
möchte man sagen, nicht die Schuld und das
Fehlen, er braucht nicht den Feind, um zu er-
messen, wie groß ein Mensch sei, und das macht
ihn heimisch und stark in seinem Lande. Seine
ganze Ursprünglichkeit liegt in dieser Harmonie,
und ein unharmonischer Mensch ist gar nicht ur-
sprünglich oder interessant oder schöpferisch, son-
dern eben nur unzulänglich und unentsprechend
68
und wie ein Fremder. Es ist notwendig, hier
modern-empfindsame Vorstellungen nach Möglich-
keit zu zerstören und zu betonen, daß Harmonie
recht eigentlich die Ursprünglichkeit von Söhnen
der Sonne sei und nichts mit der ,, Ausgeglichen-
heit" eines modernen Philisters zu tun habe. Die
unmittelbare Äußerung dieses harmonischen Men-
schen ist die Tat: auch was er leidet und was er
denkt, das tut, das handelt der harmonische
Mensch. ^^ Und er handelt nicht groß, indem er
sich überwindet, sondern darin, daß er seiner Be-
stimmung folgt. Und seine Bestimmung ist nicht
in seiner Person, sondern im Gesetze einer Fa-
milie, eines Staates, einer Religionsgemeinschaft,
im Gesetze des Weltalls und der Natur. Das ist
es: der antike Mensch in diesem weiten Sinne, den
ich ihm gebe, handelt aus Bestimmung und nicht
aus Verzweiflung" und vermag darum seines
eigenen Wirkens froh zu werden. (Es muß hier
auf der Stelle bemerkt werden, daß der indiskrete
Mensch eine ganz unmännliche Vorstellung von
Tat hat. Es ist, als wollte er sich selber los wer-
den durch die Tat und als müßte ihn die Tat ver-
brauchen, wenn sie Wert haben solle. Der indis-
krete Mensch ist ohne Bestimmung, und darum
ist seine Tat wie die Tat des Schauspielers und
69
kommt übermütig aus dem Herzen eines Fei-
gen.)
Der maßlose, der christliche Mensch kann sich
durch keine Tat ermessen und vollenden. Was
immer er tut, kommt nicht bis an das Ziel und
dringt nicht ein, denn die Tat des Maßlosen ist
willkürlich, oder sie ist unecht und gemein. Jeder-
mann handelt wie der Maßlose und tut die ihm
fremde Tat. Nur als Unrecht und Verbrechen und
Verrat hat, muß man sagen, die Tat des Maßlosen
Maß und Wert, und in einem entsetzlichen, ein-
zigen Sinne ist der Christ zum Verbrecher ge-
boren.
Und darum handelt er nicht, und darum leidet er.
Nicht aus Pathos oder Empfindsamkeit, sondern
um nicht vermessen zu sein. Um das Maß zu haben.
Um zu entsprechen. Um nicht ausgeschlossen und
falsch zu sein. Man vergißt, daß der christliche
Mensch nur leidet, weil er das Maß nicht hat, weil
er ohne dieses Leiden wie ein Verstoßener, wie ein
Abgefallener, wie ein Fremdling wäre, dessen
Sprache niemand spräche. Man vergißt, daß Leiden
weniger ein Verdienst bedeute als daß es ein Maß
sei, ein Weg; nichts anderes, nichts Besonderes,
wäre man versucht zu sagen. Nur ein Weg, um
von außen nach innen zu kommen.
70
Die großen Taten des antiken Menschen sind zu-
letzt die Gesetze. Die Handlungen der Könige und
der Helden folgen einem Gesetze auch dort, wo
sie gegen ein anderes verstoßen, und sind also nur
in ihrer Gesetzlichkeit groß. Sie sind unpersönlich.
Der König, der nur dem Gesetze seiner Persön-
lichkeit folgt, ist nicht so sehr ein Tyrann wie ein
Hanswurst und ein Unglück zugleich. Es heißt
unter Indiskreten oft sehr vague, Tyrannennaturen
gehorchten nur ihrer Persönlichkeit oder strebten
danach, ihre Persönlichkeit zu verwirklichen. Die
Wahrheit ist, daß der Tyrann wie kein anderer
nach dem Gesetze dürstet und daß auch er nicht
seinem Ich, sondern dem Gestirne folgt und daß
auch seine großen Taten an dem Laufe der Pla-
neten gemessen und darum stets fatal und niemals
gemein sind.
Die große Tat des maßlosen Menschen ist dessen
einzige. Keine andere vor ihr oder nach ihr hat
Wert und Gültigkeit. Es ist die Nicht-Tat oder
das, was der hl. Paulus die Umkehr nennt.
Es ist gut, zuerst uns der großen Taten von Königen
und Eroberern erinnert zu haben, bevor wir die
Umkehr nennen, denn nur der große, der ur-
sprüngliche Mensch vermag umzukehren. Oder
besser: die Umkehr ist das eine Maß, das eine
71
Gesetz, die eine Größe des maßlosen Menschen,
des Christen. Gleichwie der Tyrann seinem Ge-
stirn folgen muß, um Anfang und Ende zu haben,
so muß der christliche Mensch umkehren, um zu
wissen, was ist. Auch er haßt das Gemeine und
Vague, er haßt den Teil, den Vergleich, den Ver-
such, auch er will das Bestimmte, das Unverrück-
bare, das Unvergleichliche, und darum muß er
zurück in den Ursprung: um also gemessen und
bestimmt zu sein. Im Guten allein ist kein Maß,
oder das Gute ist oft das Böse. Wer kennt den
Anfang und das Ende des Guten und des Gesetzes! ?
Er muß zurück und sich selber verwirken, um
zu sein ...
Es ist schwer, von diesem Umkehrenden zu
sprechen. Ein indiskreter Mensch vermag nicht
umzukehren, das muß gleich gesagt werden. Er
bricht entzwei. Oder er bleibt enttäuscht. Und
dann: die Größe dessen, der über sein Schicksal
nicht hinaus kann, hat etwas Verzehrendes, und
um einen so großen Menschen ist das furchtbare
Schweigen der Elemente und Gestirne. Wer wird
sich in Gaesar oder in Napoleon sehen? Wer nun
umgekehrt ist, der ist wie ein Spiegel, und wir
selber sind in ihm wie in einem Spiegel.
Oft glaubt man im Orient, auf ihn mit dem Finger
72
weisen zu können. Es ist einem unter Hindus zu-
weilen, als sei er leibhaft da und sichtbar mitten
unter den vielen Menschen auf der Straße, den
Brücken, dem Markte, dem Bahnhof, vor Tempeln,
in den Teichen badend: dieser äußerste, dieser
grenzenlose Mensch, ich meine, so sieht man den
Wundertäter mit Augen vor sich: als einen plötz-
lichen, äußersten, grenzenlosen Menschen. Wäh-
rend wir suchen, geht er den Weg, und indem er
ihn geht, entsteht der Weg unter seinen Füßen,
und diese Bahn ist sein Maß. Der Yoghi schreitet
sein Maß. Er sieht, hört, riecht, schmeckt und
atmet sein Maß. Und dieses Maß ist seine Hand-
lung, und seine Handlung ist sein Körper, und
sein Körper ist die Erde und alle Planeten und
die Sonne. So mißt der Yoghi, und so groß
ist er.-''
Auch unter uns lebt er: der Umkehrende. Stets
mitten unter uns. Ganz heimlich, ja versteckt in
jedem ohne Unterschied: im Glücklichen und im
Betrübten, im Bettler und im Stolzen, in der Dirne
und im Reinen. Man muß ihn den verborgenen,
den heimlichen Menschen nennen. Er ist genau
der Mensch, der nicht mehr ,,das Maß der Dinge''
ist, der Arme.''" Wer wird sich mit dem Maße
des Armen messen wollen ! ? Sein Maß ist Spannung.
73
Die christliche Armut ist die größte Spannung
zwischen dem Menschen und Gott. Von einem
also gespannten Menschen darf man nicht sagen,
daß er groß sei, denn der also gespannte Mensch
ist nicht groß, sondern wirklich. Der Arme ist der
wirkliche Mensch. Der antike Mensch ist stolz,
mächtig, reich, ein Führer und großer König oder
ein großer Frevler, er ist groß, aber nicht wirklich.
Nicht in diesem einzigenSinne des Gespannten. '^^
Das haben die großen, leidenschaftlichen Christen
stets empfunden und auszudrücken versucht: dieses
Unwirkliche des antiken Menschen, und daß der
Große nahe war, doch nicht drinnen, und daß das
Maß des antiken Menschen nur die Nähe des Gött-
lichen, die Ahnung, das Wort und nicht dessen
Zunge und Gesicht, daß endlich der Mensch durch
sein Maß, durch seine Größe sich selber nur nahe
und noch nicht in sich selber wirklich gewesen
wäre. Auch der große Gegenstand des Helden wäre,
so fühlten sie, ohne es sagen zu können, nur Nähe.
Erst der christliche Mensch hat diesen großen
Gegenstand draußen verloren und in sich selber
wiedergefunden. So muß er sich stets und ewig
mit sich selber messen, und also ist seine Größe
und sein Maß nicht mehr in der Harmonie, son-
dern in der Transfiguration , und sein Ziel nicht
74
mehr die Macht über sich selber, sondern die Voll-
kommenheit.
Es muß noch betont werden, daß dieser christ-
liche, dieser leidende Mensch, der nach der Voll-
kommenheit strebt, eigentlich niemals mißt gleich
den anderen, sondern daß sein Maß eben das keines
anderen, daß sein Maß darum subtil ist. Es muß
hier gesagt werden, daß derhandelnde,der mächtige
Mensch sich durch Subtilität teilen und endlos,
unwirklich, klein, ja lächerlich werden müßte oder
daß die Subtilität des handelnden Menschen Ver-
kehrtheit und Aberglaube und Mangel an Glück
wäre. Nur der leidende Mensch ist auf die rechte
und gesetzliche und eigene Weise subtil. Das
heißt: die Subtilität des Leidenden ist wahrhaft
Fülle und Angemessenheit,^^ sie ist, möchte man
sagen, der Körper und der Stoff des Leidenden
und des Sehers. Sie ist im Auge, im Schauen des
Leidenden drinnen gleichwie das Glück im Laufe
und in der Bahn eines Planeten.
75
DAS MASS
DER historische Mensch handelt groß, der
mythische ist groß. Das heißt: das Maß ist
noch nicht aus dem mythischen Menschen heraus-
getreten, vielmehr diesem einverleibt und steckt in
ihm wie im Manne die Zeugungskraft, und dem
Sohn eignet darum stets die Größe des Vaters.
Man darf sagen, daß zwischen dem mythischen
Menschen und Gott nicht das Maß und Gesetz sei,
sondern der Mensch selber, daß dieser mythische
Mensch den Weg zu Gott mit sich selber messe,
gleichwie der indische Büßer die Pilgerfahrt nach
den heiligen Stätten und Seen des Himalaja mit
seiner eigenen Körperlänge mißt.
Ein historischer König ist groß, weil im Geiste
der Menschen ein Begriff von menschlicher Größe
lebt, er ist groß um der Größe willen ; der mythische
König ist groß um seiner selbst willen, von An-
fang bis zu Ende. Die Größe in diesem ist wie der
Wille und Stachel der Natur, und sie gehört zu ihm
wie sein Leib, ja man kann wohl sagen, sie ist
sein Leib und der Stoff seiner Seele. Er ist nicht
groß um der Taten willen, sondern die Quelle und
der Inbegriff alles Geschehens, und sein Maß ist
das Maß seines Willens und seiner Kraft.'''
76
Die Größe der von den Göttern unmittelbar mit den
höchsten Gaben beschenkten Könige auf den Re-
Hefs der Tempelmauern von Karnak und Luxor
ist unzweifelhaft wie ein Gesetz und eine große
Zahl, und gleich der Zahl oder gleich dem Gesetze
in keinem Falle gegen sich selber gerichtet. Und
so haben die gläubigen Bildhauer sie auch dar-
gestellt: ganz groß wie große Zahlen und große
Puppen, mit sich selber einig, groß wie Helden-
gedichte und lange Aufzählungen von Schlachten,
groß wie Sinnbilder, wie am Staunen der Men-
schen emporgeschossen, und als ob mit ihrem
Königsleibe stets auch das Maß der Menschen
wüchse, lächerlich, ganz kindisch und unmensch-
lich groß.
Die Größe dieser mythischen Menschen würde
mich hier nicht beschäftigen, wenn Mythologie für
immer vorbei, wenn nicht stets von neuem ein
Mensch so ganz gegen unsere Begriffe, gegen
unser Augenmaß, so ganz kindisch groß wäre wie
einer der alten Könige von Theben, denn trotz
aller Geschichte und Entwicklung reicht immer
wieder ein Mensch mit seiner ganzen eigenen Tor-
heit unmittelbar an die Götter und ist groß von
Anfang bis zu Ende, groß, wie Dinge groß sind,
groß wie Zahlen, wie Gesetze.
77
Es kommt natürlich alles darauf an, daß die Tor-
heit nicht abgezogen, daß der ganze Mensch von
oben bis unten gemessen werde, daß kurz nichts
fehle zugunsten der Ordnung oder allgemeiner
Ideen oder der Geschichte. In der Mythologie ist
nämlich stets alles zusammen und auf einmal da,
was in der Geschichte verteilt ist, und in der
Mythologie gilt der Leib so viel wie die Seele.
Die ,, unsterbliche Seele" ist überhaupt nur eine
Schöpfung der Geschichte.
Sören Kierkegaard war so gegen alles Augenmaß
groß, nicht nur tief, scharfsinnig, witzig, umfassend
wie wenige Menschen aller Zeiten. Mit seiner
Tiefe, seinem Scharfsinn, seinem Witze und allen
anderen Qualitäten wäre er noch nicht aus der
Historie herausgetreten und über jeden Vergleich
hinausgekommen, wie überhaupt ein Mensch weder
durch seine Tiefe noch durch seinen Scharfsinn
oder sonst eine Geistestugend im höchsten Sinne
mit sich selber einig ist, welche Einigkeit ja ohne
Frage Größe erst bedingt. Nein, Kierkegaard war
gleich den mythischen Königen nicht ohne Tor-
heit und nicht ohne Stachel groß. Er war groß
und im höchsten Sinne mit sich selber einig durch
eine höchst absurde, von seiner eigenen Vernunft
in jedem Augenblick widerlegte und seinem
78
eigenen ganz maßlosen Verstände untergrabene
Annahmeeines höchst eigensinnigen, boshaft wach-
samen Gottes, durch etwas, das nicht gar weit
vom Höllenglauben eines alten Weibes entfernt ist,
durch etwas, was jeden anderen ,, geistvollen'',
,, historischen", ,, entwicklungsfähigen'' Menschen
lächerlich gemacht, ja vernichtet hätte. Sören
Kierkegaard war nun trotz dieses Glaubens, ja in
einem tiefen, mythischen Sinne durch ihn groß,^^ so
lächerlich groß und langgestreckt wie die my-
thischen Könige, so zwei- bis drei- bis viermal
größer als er selber und seinesgleichen, genau wie
die mythischen Könige. Gleich diesen war er groß
geboren, und dem riesengroßen Körperbau, dem
Götterleib der Könige — denn das waren sie
schließlich: Götter, und die Götter waren Könige
— ich sage: dem durchaus unvergleichlichen Götter-
leib der Könige entspricht des einzigen, tiefsinnigen
und unglücklichen Mannes Aberglaube und Tor-
heit, als welche hier wahrhaftig die Stimme des
Blutes, das Blut seines großen und gottgepeinigten
Vaters, als welche überhaupt sein eigener kranker
und gezeichneter Leib ist.
Geschichte im weitesten Sinne des Wortes beginnt
damit, daß der dem Menschen, wie ich sagte, ein-
verleibte Maßstab und Begriff von Größe aus dem
79
Menschen heraustritt und also gemeinsam wird.
Ohne einen solchen gemeinsamen Maßstab und Be-
griff ist Geschichte gar nicht möglich oder müßte
immer wieder zerrinnen und unwahr werden. Mit
anderen Worten: nur um dieses gemeinsamen
Maßes und Begriffes willen ist historische Größe
erst gültig und gesichert, weshalb die Sorge eines
Volkes um seine Geschichte, um Tradition und
Kontinuität stets auch die Sorge um die Größe
und das Maß war. Es ist auch unter Menschen
eine gewisse Angst nicht zu verkennen, daß Ge-
schichte fehlen und der Zusammenhang des Ge-
schehens reißen könnte, da damit der Maßstab ver-
loren gehen müßte, an und mit welchem die Men-
schen gemessen und gerichtet werden könnten.
Kein historisches Ganze hat diese Angst zu allen
Zeiten so deutlich empfunden wie die katholische
Kirche, und aus dieser Angst heraus muß man
ihren ununterbrochenen Kampf gegen die ge-
schichtslosen Mächte der Mystik und des Quietis-
mus verstehen. Die Größe eines Mystikers ist un-
gültig, da dieser es unternimmt, ohne Maß zu leben
oder sein Maß nur in der Hingabe finden will. Die
Demut des Mystikers ist also nicht groß, sondern
unbegrenzt, das heißt : sie grenzt stets an den Hoch-
mut und kann alle Augenblicke in diesen um-
80
schlagen, worin in der Tat das liegt, was man die
Zweideutigkeit des Mystikers nennen muß. Es ist
nun im Wesen des Dogmas und damit in dem
einer Kirche, daß beide sich bemühen, diese psycho-
logische Zweideutigkeit in einen moralischen Zwie-
spalt zu verwandeln, und damit den Menschen aus
einem einsamen in ein historisches Dasein zu
bringen suchen.
Wenn also historische Größe nur um eines gemein-
samen Maßstabes willen möglich ist, so heißt das
so viel, wie daß sie niemals ohne Kampf, ohne
diesen Zwiespalt verwirklicht werden kann. Die
mythischen Könige sind groß wie Gebirge und
von der Kraft der Löwen, weil sie ohne Zwie-
spalt sind. Ein Mensch, der fünfmal das Maß des
Menschen oder wie die indischen Götter drei Köpfe
und neun Arme hat, ist ohne Zwiespalt da. Der
historische Mensch ist groß und klein zugleich
und also im Zwiespalt um der Größe willen. Ohne
diesen Begriff der Größe würde er nie aus einer
gewissen Zweideutigkeit herauskommen.
Der Zwiespalt ist ja nur die Folge des aus dem
Menschen herausgetretenen, gemeinsam geworde-
nen Maßes, und den Zwiespalt vor der Zeit stillen
heißt oft den Menschen der Möglichkeit von Größe
berauben. Zu beklagen sind darum nicht die ein-
zelnen Menschen und Völker, die im Zwiespalt sind,
sondern jene, die darin verharren ohne einen Be-
griff von menschlicher oder göttlicher Größe, denn
diese sind wahrhaft zerrissen und unfruchtbar und
können nur in der Mittelmäßigkeit den Schein eines
Maßes und einer Einheit gewinnen. Wenn nun die
katholische Kirche mit ihrem sicheren Instinkt für
Geschichte und Herrschaft den Zwiespalt zwischen
Leib und Geist nährt, so ist es ihr wahrhaftig nicht
so sehr um die Antithese zu tun wie darum, daß
dieser Kampf den großen Begriff vom Menschen
stärke und der Zwiespalt die Einheit — das große
Maß — erhalte, da — noch einmal — eine Ein-
heit auf historischem Boden niemals ohne Zwiespalt
zu erreichen ist und nur im Mythos sich selber
produziert.
Jeder Zwiespalt und Konflikt ist sozusagen histo-
risch, d. h. verläuft in der Geschichte, weshalb
einem Volke oder einem Staate Geschichte erhalten
so viel heißt, wie diesem Volke Konflikte schaffen
und auf diese Weise für den großen Begriff vom
Menschen, vom Gesetze, vom Rechte sorgen, was
freilich geschworenen Monisten nur schwer ein-
leuchten mag.
Da stets von neuem unter Menschen nach der Größe
und dem Maße der historischen Persönlichkeit ge-
82
fragt wird — es ist um dieses großen Begriffes
vom Menschen willen nicht zu vermeiden, daß wir
sie, daß wir die Individualität eines Mohammed,
eines Cäsar, eines Napoleon über- oder unter-
schätzen, da Individualität als solche eben nur
Kraft und Wirkung, Wirkung ins Unendliche und
Ungemessene und darum im tiefsten Grunde tra-
gisch ist. Historische Größe ist stets repräsen-
tativ und ohne Stachel, und es ist darum höchst
überflüssig und ein ganz sicheres Zeichen von
Geistlosigkeit, durch alle Schuld und alle Mittel
zu dem durchdringen zu wollen, was man das
wahre Wesen der historischen Persönlichkeit nen-
nen möchte.
Die mythische Persönlichkeit ist nicht repräsentativ
und darum im tiefsten Sinne unschuldig. Und so
ist ihr die höchste Gabe der Verwandlung gegeben,
die nur Unschuldigen zuteil wird. Ein Gott ver-
mag sich nur in der Verwandlung zu ermessen,
niemals durch Repräsentation.
Es kann nicht übersehen werden, daß der moderne
Mensch in seinem Streben nach Gegenwart immer
weniger Geschichte lebt, zumal auch eine bessere
Kenntnis der Naturundüberhauptdas mehrwissen-
schaftliche Interesse an den Dingen sein historisches
und politisches gelähmt hat, so daß Menschenge-
83
schichte immer mehr ein Teil der Naturgeschichte
geworden ist.
Die Frage ist nun die, woran wir diesen un-
historischen, unpoHtischen, ganz gegenwärtigen,
recht eigentUch grenzen- und wehrlosen Menschen
messen, wo wir seine Größe suchen sollen, und ob
es überhaupt noch einen Sinn hat, von Größe zu
reden dort, wo ein bestimmtes Maß nicht zu er-
warten ist.
Ein Kaiser ist groß als Kaiser, seine kaiserlichen
Handlungen zählen und nicht die seines privaten
Lebens, das heißt historisch und politisch sehen;
und es ist lächerlich, nicht so sehen zu wollen,
da ja die Nationen ihre Größe dem Umstände ver-
danken, daß sie so gesehen haben. Nun hat es aber
stets Kaiser gegeben, die in jedem Augenblicke,
in jeder, in der kleinsten Handlung kaiserlich waren
und nichts so sehr scheuten und als fremd und un-
wahr empfanden wie das Private, wie das Persön-
liche: an diesen heimlichen Kaisern ist nun das,
was bei den großen öffentlichen Repräsentation war,
ganz und gar Vision geworden. ^^
Der moderne Mensch repräsentiert nicht, und sein
Maß ist darum im Gleichnis, und es gibt für den
heimlichen, ewig gegenwärtigen Menschen keine
andere Größe als die Größe der Vision. Sie stößt
84
die Quelle des großen Seins im Menschen auf, und
nur so gilt die Vision, und ein solcher Mensch ist
dann im antiken, im ewigenSinne heilig'' gleich den
Kindern, gleich den Tieren. Er ist, muß man sagen,
durch seine Vision geschützt und undurchdringlich.
Und ihm eignet die Größe der ersten Menschen,
die den Tod nicht kannten und also wahrhaft un-
erschrocken inmitten aller Dinge und Wesen lebten.
85
DER GOTT UND DIE CHIMÄRE
SOOFT ich in Paris bin, versäume ich es niemals
zu den Chimären von Notre-Dame hinauf-
zusteigen. Ich kenne sie alle, wie man seine eigenen
Hunde kennt, und gehe oben die Brüstung entlang
von einer zur anderen und rühre keine an. Da ist
gleich die eigentliche, die berühmte Chimäre, der
bittere Greif mit dem vom Wahnsinn wie ausge-
höhlten Blick und den beiden weichen, weißen, ohn-
mächtigen Menschenhänden, die wieaus dem Fleisch
der Lilie geschnitten sind. Dann das Käuzchen mit
seinem Gefieder wie ein Bahrtuch, daneben der
Adler mit dem Entenschnabel, der Panther, dem
die Gier im Maul geronnen ist und der nun ver-
sucht, sie auszuspeien. Ich will nicht alle auf-
zählen, es sind welche da, die kein Name faßt. Un-
endlich rührend unter allen ist nur der kleine Elefant,
er macht so entsetzlich kluge Augen, damit der
Irrsinn ihn nicht vollends packe, der auch ihn hier
in diesem bösen Lande leise berührt und seine dicke,
gute Haut erschauern macht. Und unter den vielen
Tiergestalten istauchwieaufgescheuchtein Mensch,
noch viel mehr erschrocken als die Tiere und noch
lange nicht so erschrocken wie unglücklich.
Ich habe das Gefühl verloren, vor Kunstwerken
86
und Gebilden menschlicher Imagination zu stehen;
mir ist dort oben, als wäre ich mit lebendigen
Wesen zusammen, die zu Stein geworden sind
und nun nicht mehr von sich loskönnen. Da beißt
ein Flußpferd — es ist gewiß nicht ganz genau ein
Flußpferd, sondern so wie einem im Traume das
Flußpferd vorkommen mag — da beißt, sage ich,
ein Flußpferd einem auf den Hinterbeinen sitzen-
den Ochsen in den Hals, und im Biß haben sich
das Maul und der Hals versteinert, und so hält
nun ewig das Maul aus Stein den steinernen
Hals. Dort ist ein Bein im Schreiten, hier das
Grinsen eines Affen oder ein Schnabel im Schreien
zu Stein geworden, und nun können der Schritt
und der Schrei nicht aus der Chimäre heraus und
verzerren sie. Und so steckt — möchte man
sagen — alles in der Chimäre, jede Leidenschaft,
jedes Streben, jede Empfindung und kann nicht
heraus, da die Chimäre in einer vollkommen leeren,
luftlosen Welt lebt.
Es sieht freilich so aus, als blickten diese Chimären
auf Paris herunter, auf die vielen Leute, die in
die Kathedrale treten, vielleicht auf ganz bestimmte,
die jeden Tag zu bestimmter Stunde kommen, viel-
leicht auch auf solche, die heute zum ersten Male zu
sehen sind. Es sieht so aus, und man sagt es gerne
87
nach, und alle Pariser glauben es so, doch in Wahr-
heit starren die Chimären in den Abgrund: wohin
immer sie ihre Blicke richten, dort tut sich vor
diesen der Abgrund auf. Und jedes Ding, das sie mit
ihrem gierigen und zugleich entsetzten Blick halten
wollen, versinkt in diesem Abgrund. Und so haben
die Chimären nicht nur Männer und Frauen und
Paris, sondern alle Städte und Erden und Meere
und den gestirnten Himmel darin verloren. Gleich-
wie ein Mensch mit einem großen Gram oder voll
Haß und Neid ein Ding nach dem andern, blühende
Tage und stille Nächte in diesen Gram, in diesen
Haß und Neid verliert.
Chimären sind ohne Geschlecht und Samen, wes-
halb ihre Zahl gleich unendlich ist, doch wer sie
recht ins Auge nimmt, wird gewahr, daß ihr Ge-
schlecht und ihre Scham auf den ganzen Leib ver-
teilt, daß also dieser Leib überall, an der Stirn,
am Schnabel, an den Armen und Pfoten und Füßen
schamlos und im eigentlichen Sinne ungestaltet
ist. Vor den Chimären erfährt der menschliche
Sinn, wie wunderbarScham und Gestalt zusammen-
hängen und daß nur das Ungestaltete im wahren
Sinne schamlos sei.
Eine Chimäre ist in jedem Augenblicke auf dem
Punkte, aus ihrer eigenen Ungestalt herauszufah-
88
ren, und ihr Schicksal ist, am äußersten Ende ihres
Wesens, an ihren Grenzen ewig von sich selber ge-
reizt zu verharren. Über dem Abgrunde. Maßlos.
Wie es von den Genien und Engeln heißt, daß sie
im Anblicke der Vollkommenheit sich selber gleich
und unwandelbar bleiben, so muß man von den
Chimären sagen, daß sie vor und über dem Abgrund
maßlos bleiben.
Den Jahrhunderten, welche diese Chimären er-
sonnen haben, war die Welt des Geistes ein Wirk-
liches und der Geist ein Göttliches und in den
Menschen lebendig als Ausdruck höchster und
göttlicher Bestimmung. Hier vor den Chimären
versteht man die uralte Menschenrede von einem
Reich des Geistes und von dieses Geistes Selbst-
herrlichkeit und Verlangen, sich widerzuspiegeln
im Vollkommenen und Wesenhaften. Und wie die
Rede geht, daß dieses Land und Reich des Geistes
jenseits der Gestirne bewohnt werde von Genien,
von Engeln, von Ideen und den voUkommnen
Figuren, so, muß man sagen, wird die Welt der
vollkommenen Geist- und Maßlosigkeit bevölkert
von den Chimären. Ich meine, im Chaos, wenn es
ein solches außerhalb von Menschengehirnen gäbe,
würde die Chimäre leibhaftig existieren, atmen und
sehen, von Stelle zu Stelle eilen und bellen, ja,
89
dort müßte sie auch zeugen und sich vermehren
und endlich sterben an den Lügen, die hier im
Chaos wurzeln und als Futter für sie treiben.
Doch das Chaos ist in Wahrheit nirgend außerhalb
von Menschenhirnen, und die Chimäre lebt in jedem
von uns Menschen als echte Geist- und Maßlosig-
keit, als Ungestalt und Krampf, als Eigensinn, als
Mangel an Wachsamkeit und Gesicht, als Ver-
messenheit und Verstellung, als Zwang, als Ärger,
als Angst, als Neid und Aberwitz.
Die also von der Chimäre besessenen Menschen
vergehen sich niemals gegen den Nächsten und
Einzelnen und niemals durch die Tat, sondern stets
gegen die Ordnung der Dinge und durch ihr Dasein.
In der maßlosen Welt der Chimäre ist alles einzeln
und isoliert, und nichts führt im Chaos von Ding
zu Ding, es sei denn der Aberwitz, die Roheit und
der Irrsinn.^*
In der Welt des Geistes ist nichts isoliert, und das
istdieserGeisteswelt eigentliches Pathosund Maß. ^^
Dank seinen törichten Erziehern, diesen wahren
Züchtern der Chimäre, Hat das gegenwärtige Ge-
schlecht unreine, im wahrsten Sinne barbarische
Vorstellungen von Geist. Es redet von Geist und
Sinnlichkeit, von Geist und Erlebnis'*^ und meint,
Geist sei überhaupt nur als Gegensatz wirklich
90
und darum leicht ermüdet und überspannt, oder
es meint, Geist ließe sich dazutun oder abziehen
oder ersetzen. Dieses Geschlecht weiß und fühlt
nicht, daß der Geist, ,,der den Stürmen gebietet",
zu nichts der Gegensatz, daß des Geistes Maß auch
dessen Wesen und daß dessen Größe nur in der Ge-
staltung sei. Es gibt in der Tat kein anderes Maß
für die Größe des Geistes als die Gestaltung, und
so versteht man auch, warum nur die echten Ge-
stalter und Schöpfer, Fürsten eines wahren Geister-
reiches, das Recht haben, am Geiste gemessen zu
werden, und um ihres Geistes willen groß sind.^'
Nichts ist seltener, als daß ein Mensch ein Leben
des Geistes außerhalb seines Gehirnes mitten unter
den Menschen wirklich lebe, weshalb es auch so
gefährlich wie mißlich ist, den Menschen am Geiste
zu messen. Auch der größte Geist, Shakespeare,
sieht und hat zuletzt in sich selber die Chimäre.
Vielleicht war er,der sich den Menschensohn nannte,
der einzige, der ein Leben des Geistes unmittelbar
gelebt hat, und darum ist seine Größe die Größe des
Geistes selber und im eigentlichen Sinne unermeß-
lich, in ihm war nichts von der Chimäre. Und dar-
um kamen sie zu ihm von überallher, die Chimä-
ren : die Zu-Glücklichen, dieZu-Unglücklichen, die,
welche zu sehr rechneten, und die, welche zu viel
91
hingaben, die Blinden, die Kranken, die Entstellten,
die Toren, die Sünderinnen und die Mütter. Es zog
dieChimären zu ihm, weil es in derZeit das erstemal
war, daß diese nicht wie seit Ewigkeit in den Ab-
grund, sondern in den Geist selber sahen. In Jesu
Gleichnissen und Reden ^^ ist es immer die Chimäre,
die fragt, und der unendliche Geist, der antwortet.
Jenes Weib aus Sichar in Samariä, das zum Jakobs-
brunnen kommt, allwo sie Jesum vom Wege müde
antrifft, ist eine Chimäre.
„Da kommt ein Weib von Samaria, V/ asser zu schöpfen. Jesus spricht
zu ihr: ,Gib mir zu trinken' . . . Spricht nun das samaritische Weib zu
ihm: ,Wie bittest du von mir zu trinken, so du ein Jude bist und ich
ein samaritisch Weib ? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit
den Samaritern/ Jesus antwortete und sprach zu ihr: ,Wenn du er-
kenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: »Gib mir
zu trinken«, du bätest ihn, und er gäbe dir lebendiges Wasser.' Spricht
zu ihm das Weib : ,Herr, hast du doch nichts, damit du schöpfest, und
der Brunnen ist tief; woher hast du denn lebendiges Wassert Bist du
mehr denn unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat?
Und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh.' Jesus
antwortete und sprach zu ihr: ,Wer dieses Wasser trinkt, den wird
wieder dürsten. Wer aber das Wasser trinken wird, das ich ihm gebe,
den wird ewiglich nicht dürsten; sondern das Wasser, das ich ihm geben
werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das
ewige Leben quillet.' Spricht das Weib zu ihm: ,Herr, gib mir das-
selbige Wasser, auf daß mich nicht dürste, daß ich nicht herkommen
müsse, zu schöpfen.' Jesus spricht zu ihr: ,Gehehin, rufe deinen Mann
92
und komm her.' Das Weib antwortete und sprach zu ihm: ,Ich habe
keinen Mann.' Jesus spricht zu ihr: ,Du hast recht gesagt: ich habe
keinen Mann. Fünf Männer hast du gehabt, und den du nun hast,
der ist nicht dein Mann. Da hast du recht gesagt.* Das Weib spricht
zu ihm: ,Herr, ich sehe, daß du ein Prophet bist. Unsere Väter
haben auf diesem Berge angebetet; und ihr sagt, zu Jerusalem sei die
Stätte, da man anbeten soll.' Jesus spricht zu ihr: ,Weib, glaube
mir, es kommt die Zeit, daß ihr weder auf diesem Berge noch zu
Jerusalem werdet den Vater anbeten. . . . Aber es kommt die Zeit,
und ist schon jetzt, daß die wahrhaftigen Anbeter werden den Vater
anbeten im Geiste und in der Wahrheit. . . . Gott ist ein Geist: und
die ihn anbeten, die nmssen ihn im Geist und in derWahrheit anbeten.' "
(Ev. Joh. 4, übersetzt von Martin Luther.)
93
NOTEN ZU: DER INDISCHE GEDANKE
Seite I I, Note i : Der Schauspieler ist nur für das gemeine
Auge paradox. In Wirklichkeit ist er wie kein anderer das,
was er ist, und in einer sehr gewöhnlichen Art mit sich selber
einig, weshalb ihm in vergangenen Jahrhunderten von den
Menschen die unsterbliche Seele abgesprochen worden sein
mag.
Seite 1 3, Note 2: Nie wird der Asiate die Bedeutung des
Augenblicks für uns verstehen, und nie wird der Europäer die
Notwendigkeit des Kultes, des Zeremoniells der Asiaten be-
greifen.
Seite 14, Note 3 : Er ist nicht Politiker. Politik heißt ja
nichts anderes als sich ein Ende und ein Ziel vor dem Ende
und vor dem Ziel setzen und an dieses nächste Ende und nächste
Ziel auch glauben.
Seite 16, Note 4: Die Engländer, die durchaus mit dem
Nullpunkt operieren, in Indien womöglich noch mehr als zu
Hause, sind darüber entsetzt, daß die Hindus in Benares eine
Göttin der Blattern verehren. Eine Göttin der Blattern heißt
eben auch: nicht mit dem Nullpunkt operieren.
Seite i8,Note5: Der £Vc^^/nc lebt in einerWelt ohne Spiegel.
Sagen wir: wenn nach der Anschauung alter Mystiker im Para-
diese ein Ding das andere widerspiegelt, der Baum den Menschen,
der Mensch das Tier und so fort, und also ein ewiger Austausch
der Wesen stattfindet und ein göttlicher Ausgleich herrscht,
so hat die Welt des Eccentrics nichts vom Paradiese, vielmehr
etwas von der Hölle: kein Ding spiegelt das andere wider,
allen Dingen sind die Augen ausgestoßen, und so steht, nichts
sehend, eines gegen das andere: hart, starr, unbewegt, blind,
von der eigenen Schwere niedergedrückt, vielmehr ausgefüllt.
Der Eccentric ist gleichsam die PVeiheit dieser Welt, in der
94
das Wesen der Dinge deren Schwere bedeutet. Er ist deren
Pathos, Schwung, Vergnügen. Wie man vom Tänzer sagen
kann: er ist, indem er tanzt, mit sich selber in wunderbarer
Weise einig, so muß man vom Eccentric sagen: er ist in sich
selber eingeklemmt und sucht nun von sich loszukommen und
sich zu produzieren.
Man könnte den Yoghi in allen seinen Ab- und Unterarten
bis zum Fakir und Gaukler herunter den Eccentric einer rein
immateriellen, rein geistigen, von jeder Erfahrung losgelösten
Welt nennen, wobei nur zu bemerken wäre, daß dieser Yoghi
in einer Welt lebt, die nur Zentrum ist und überall, oben und
unten, in allen ihren Teilen aus Zentrum sozusagen besteht.
Bäume, Tiere, Planeten, Sonnen, der Menschen Wünsche und
Taten und Genüsse, alles das ist nur Zentrum und in Einem
zusammen. Man könnte den Yoghi einen Eccentric nach innen
nennen. Beide, der Eccentric sowohl der mechanischen als
auch der einer rein immateriellen Welt, sind ohne Gewissen
und Verantwortung.
Seite 26, Note 6: Der Mensch hat in seinen großen Zeiten
immer gewußt, daß ein Leben im Geiste zugleich ein Opfer
bedeute und bedeuten müsse, weil er sowohl große Vorstellungen
vom Geiste als auch vom Opfer hatte. Es ist freilich schwer
zu opfern, wenn man eine kleine Vorstellung vom Opfer hat,
und es ist unmöglich, Geist zu haben und zugleich eine kleine
Vorstellung davon. Die Witzigen sind immer gegen das Opfer
und haben von ihrem Standpunkte aus recht. Der Witzige
soll nicht opfern, sondern nur haben, und wenn er nicht hat,
so soll er stehlen.
Seite 26, Note 7: Ein Mensch ist sein ganzes Leben lang
den Beweis schuldig geblieben, er hat bis zu seiner Todes-
stunde, bis es also wirklich zu spät war, nie etwas bewiesen,
obwohl es die stumme Forderung aller seiner Freunde war,
95
daß er es beweise, endlich. Freunde geben bekanntlich viel
auf den Beweis, ja, sie warten darauf; schließlich sind sie dazu
da. Dieses Menschen Leben war also entweder eine Lüge von
Anfang bis zu Ende, sein Leben war nicht, der Mensch war
nicht, oder sein Leben war ein Opfer, ganz ein Leben nach
innen, ganz um des Seins willen, ganz Sein. Die Freunde
haben das nicht gesehen, nur jemand, der ihn unendlich liebte,
hat es gesehen und gefühlt, und dazu mußte er ihn unendlich
lieben — die Geschichte eines Lebens, die Geschichte vieler
Leben, die Geschichte sehr weniger . . .
Seite 26, Note 8: Der Inder, der nicht beweist, hat darum
auch andere Vorstellungen von der Wahrheit als der Engländer,
der beweist; das heißt: er wird viel leichter lügen und immer
dort lügen, wo er nicht die Wahrheit sagt und ein Gentleman
den Mund hält; er wird es wunderbar verstehen, zugleich nach
außen zu lügen und nach innen die Wahrheit zu wissen. Dem
Inder ist der englische Wahrheitsbegriff ebenso fremd wie der
Begriff der Persönlichkeit, und er wird sich jenen ebensowenig
aneignen wie diesen. Der Engländer ist auch hier Dualist,
Kämpfer, Politiker, und Wahrheit ist für ihn Sache der Per-
sönlichkeit, des Gewissens; er muß für die Wahrheit persön-
lich eintreten, wenn die Wahrheit für ihn Wert haben soll.
Für den Inder hingegen ist die Wahrheit nicht Sache der Per-
sönlichkeit, ebensowenig wie das Verdauen, der Herzschlag
Sache der Persönlichkeit sind. Die Wahrheit ist für ihn Feuer,
an der Wahrheit verbrennt er, die W^ahrheit ist über ihm, und
so lügt er, wie der Augenblick, die Laune, die Not es ver-
langen, so lügt er, weil er nicht will oder weil er träge ist oder
andere ihn zwingen wollen; er lügt, weil er gewöhnlich ist, er
lügt, weil er nicht brennt. Der Inder kennt den europäischen
Begriff des Gewissens nicht, weshalb auch das Mitleid für ihn
etwas anderes bedeutet als für uns. Mitleid ist für uns Sache
96
des Gewissens, des menschlichen oder des sozialen. Für den
Inder ist es Pathos im höchsten Sinne, weshalb er, in die Enge
getrieben, bei allem Mitleid grausamer sein kann als irgendein
anderer. Damit soll gar nicht gesagt sein, daß das Mitleid für
den Inder nur Theorie und nicht wirkliche Tat sei, wie Eng-
länder in Indien zu urteilen versucht sind, nein, es ist eben
ganz und gar Pathos im ursprünglichen Sinne, Zusammenhang.
Es kommt immer auf dasselbe hinaus: der Inder und der Eng-
länder haben verschiedene Vorstellungen von Persönlichkeit.
Ich will ein Bild gebrauchen: Die englische Persönlichkeit, der
Europäer, der Dualist ist ein Knoten, der gordische meinet-
wegen; was wir das Gewissen nennen, ist, möchte ich sagen,
das Innere des Knotens, „des Hirsekornes Kern", wie es in
der Upanischad heißt. Die indische Persönlichkeit, der Monist,
ist ein gutgewickelter Knäuel, also wesentlich kein Knoten, er
ist aufzuwickeln, so man das eine Ende zu fassen bekommt. Das,
worum er gewickelt ist, gehört nicht mehr zum Knäuel, der
nur aus Seide oder Zwirn oder Wolle besteht, wir können es
das Brahman nennen, und doch wäre ohne ihn der Knäuel nicht
möglich oder zum mindesten nur miserabel.
Seite 29, Note 9: Das Genie opfert nicht, das Genie lebt,
ohne opfern zu müssen — das ist ein Satz aus dem Vorrat der
Gehorsamen und auch Gepeinigten. Die indische Lehre han-
delt auf jeder Seite vom Opfer des Genies und davon, daß eben
nur das Genie zu opfern weiß und nicht der erste beste mit
einem sehr natürlichen Bedürfnis nach dem Vergleich.
Seite 39, Note 10: Der Neapolitaner wendet sich an seinen
Heiligen in einer Krankheit, bei einer Feuersbrunst, einer Über-
schwemmung, vor einem Morde, im Sterben. Ein Rationalist
wird sich darüber mehr wundern als der Heilige selber, der
eigentlich fortwährend in einer Welt voll von Mord, Tod,
Krankheit, Feuersbrunst, Überschwemmung lebt und nur in
97
diesem Lande des Lebens und des Todes Luft hat und atmen
kann.
Seite4i, Note i i : Darauf beruht der Zauber, das eigentlich
Unsagbare, ja Heilige gewisser uns heute besonders kostbarer
Künstler. Auf chinesischen Bildern der besten Zeit, auf denen
des Piero della Francesca, auf Zeichnungen des Pisanello,
Albrecht Dürers und auf zwar nicht vielen Bildern C^zannes
ist der Begriff also eliminiert. Der Prozeß ist leichter zu fühlen
als darzustellen. Es ist ein völliges Wachträumen, ein voll-
kommenes Ausschalten des Gedanklichen. Hier wird das Sym-
bol aus der Sache selber genommen und ist deren Geheimnis,
und die Dinge sind recht eigentlich in ihrem eigenen Saft ge-
kocht.
Seite 43, Note 12: Der Heilige ist darin der vollkommenste
Gegensatz zum Nihilisten, als welcher nur den Begriff sieht,
so viel Begriffe wie Menschen, immer nur Begriffe. Im Anar-
chismus wird nicht die Anarchie, sondern die Politik als solche,
die reine Politik ad absurdum geführt. Jede Politik, die nur
Politik ist, muß zum Anarchismus führen oder zugrunde gehen.
Warum anders sind die antiken Staaten zugrunde gegangen,
als weil sie die Politik übertrieben und nur mehr noch Politik
machten.''! Und das war die große historische Tat des Christen-
tums, daß es diese Nur-Politik der antiken Staaten angriff und
vernichtete.
Seite43, Note 1 3 : Besitz ist Begriff.
Seite43, Note 14: Was wir Einbildung nennen, ist, möchte
ich sagen, noch der Begriff in unserem Gefühl, nicht das Gefühl
selber, das unmittelbare, das ganz und gar Sein und Existenz
ist. Die Menschen sind auf diese Einbildung angewiesen, im
engeren und weiteren Leben. Die sogenannten Freuden und
Genüsse des Lebens sind solche Gefühle mit starkem Zusatz
von Begriff, sie zeichnen den Herdenmenschen aus. Der Ge-
98
nuß der Landschaft, die Freude an der Landschaft z. B. ist
etwas, was dem Heiligen durchaus fremd sein muß. In dieser
Freude an der Landschaft ist der Begriff ganz in die Distanz
zwischen dem Menschen und der Natur gleichsam umgesetzt
und umgewertet, und diese Distanz hat der Heilige eliminiert,
herausgezogen, und so werden er und die Welt eines und fallen
sich in die Arme. Nur die ein wenig kurzsichtigen, ein wenig
geteilten, ein wenig zerstreuten Menschen bewundern und
lieben die Entfernung, die zeitliche und räumliche, oder die
Dinge um deren Entfernung willen, der zeitlichen und räum-
lichen, und reden vom Zauber oder gar Pathos der Distanz usw.
Der Heilige hat da, sagen wir zuerst, zu wenig Kultur, er
blinzelt nioht und sieht zu scharf, er hat recht eigentlich
das scharfe Auge des Tieres, des Wilden, er ist im höchsten
Maß unzerstreut, und so sind ihm die vielen Freuden und Ge-
nüsse und Geschmäcke der Zerstreuten durchaus fremd. Er
kann sich nur ganz äußern und seine Freuden darum auch
nicht mitteilen. Was wir sein Opfer nennen, ist so recht die
Äußerung seines ganzen Wesens, die Freude, der Geschmack
seines ganzen, unzerstreuten, scharfen Wesens, der große Blick
seines wilden Auges. Um zu genießen, muß er verbrennen,
was in gewisser Hinsicht einen äußersten, ja absoluten Mangel
an Distanz, an Begriff bedeutet und nur mehr noch sehr wenig
mit dem Gefühl des Kulturmenschen für Sonnenuntergänge zu
tun hat.
99
NOTEN ZU: VON DEN ELEMENTEN DER
MENSCHLICHEN GRÖSSE
^Seite48,Zeile4: Unverkennbar ist unter vielen der heutigen
Deutschen der Wunsch nach Persönlichkeit auf erotischer Grund-
lage, wobei man freilich übersieht, daß Persönlichkeit auf ero-
tischer Grundlage doch nur der Lustmörder ist, was doch
keinesfalls das Ziel unserer gegenwärtigen „erotischen Per-
sönlichkeiten" sein kann.
-Seite 53, Zeile2: Geistreiche Menschen, die sehr dumm,
Dichter, die wie überreizte Steuerbeamte oder wie leidende
Kommis, Maler, die wie Fleischhauer aussehen, überhaupt daß
kein Mensch mehr sein eigenes Gesicht, sondern das eines
andern trägt, ist auch Indiskretion, die Indiskretion der Natur,
die überaus kostbare Indiskretion der Natur.
^ Seite 53, Zeile 8: Wenn der Indiskrete räsoniert und seine
Stellung zum Ganzen untersucht und großtut, so wird er Prag-
matist. Pragmatismus ist das wahre System des Indiskreten.
^Seite53, Zeile 10: Heute darüber, daß die Todesstrafe ab-
geschafft wird, und morgen, daß man wieder hängt.
^Seite 5 3, Zeile 1 3 : Ich meine damit nicht den anonymen
Journalisten, sondern den, der Dramen, Romane, Systeme
schreibt und „große Taten" tut- Dieser von einer ganz un-
möglichen Unsterblickkeit präokkupierte Journalist ist indis-
kret; der andere tut nur seine Pflicht.
^ Seite 55, Zeile 5: Deutschland ist voll von solchen Indis-
kreten. Der Deutsche neigt überhaupt dazu, aber seine gegen-
wärtige, so peinliche Indiskretion ist wohl auf große politische
und darum sittliche Umwälzungen zurückzuführen. Er ist heute
indiskret wie ein Mensch, der lange arm war und plötzlich
eine große Erbschaft gemacht hat. Frankreich ist davor viel-
fach noch durch seine Tradition geschützt und nur aus Ver-
100
zweiflung indiskret, was in seinen politischen Zuständen deutlich
wird. Niemand ist von Natur aus und durch Erziehung weniger
indiskret als der Engländer. Seine Indiskretion ist affektiert
und die Koketterie von Frauen, die mehr schön als graziös
sind, und die Phantasie von Gecken. Dadurch unterscheidet
sich der Engländer entschieden vom modernen Juden, dessen
Indiskretion man wohl kaum affektiert nennen kann.
^ Seite 5 5, Zeile 9: Es gibt zwei Arten, die Antithese zu über-
winden, und man muß sie wohl auseinander zu halten wissen,
wenn man nicht irren will. Durch Religion, durch Verehrung
im tiefsten und weitesten Sinne. Der Heilige, der Fromme ist
darum so diskret (was immer er tut), weil er die Antithese nur
in sich selber weiß; diese auch nur für einen Augenblick in der
„Welt", im anderen zu sehen, wäre für ihn ein Akt der Scham-
losigkeit, der völligen Entzweiung, etwas durchaus Unheilbares.
Und darum ist ihm nichts fremd, und er ist ohne Sorge, und
die Welt hat keine Waffe gegen ihn. Die andere Art, die
Antithese zu überwinden, ist politische Bildung, d. h. Sinn für
Opposition, Einsicht in die Notwendigkeit derselben, kurz das,
was man Objektivität nennen mag, welche große Politiker stets
besitzen und wovon man heute in England noch immer am
meisten und in Österreich noch immer am wenigsten hat.
Der Österreicher hält gerne den Anhänger der Opposition für
einen schlechten Menschen.
®Seite56,Zeilei8: Dieses Ideal des Boxers ist ungefährlicher
als das des Schauspielers, wie auch die Indiskretion des Ameri-
kaners weniger innerlich und darum weniger peinlich ist als
die des „guten Europäers". Denn beim Amerikaner ist sie nur
ein Fehlen von Hemmungen — die Indiskretion des Speku-
lanten und Abenteurers — , wodurch es dem Amerikaner wohl
unmöglich sein wird, jemals zu einer originalen Kunst zu ge-
langen. Die Indiskretion des ,, guten Europäers" und Nietzsche-
lOI
Schülers ist hingegen entartete, verkehrte Pedanterie. Man
halte nur gegen das Werk Walt Whitmans das irgendeines
deutschen Indiskreten, etwa das Richard Dehmels.
^Seite58,Zeilei2: JeanJacquesRousseauist der eigentliche
Zerstörer des antiken Ideals und der erste große Indiskrete,
der erste, der falsch schied zwischen innen und außen, zwischen
Freiheit und Gesetz, dem Christentum und der Antike. Er
schied, sage ich, falsch und mischte und fälschte darum das
eine mit dem anderen; und seit ihm ist der Mensch in einer
dauernd schiefen Position zwischen Heidentum und Christen-
tum und voll unbewußter Heuchelei. Rousseau war ein falsch
Isolierter (nur der Heilige weiß sich wahrhaft zu isolieren; und
Heiligkeit bedeutet nicht in die Kirche gehen, sondern den
Versuch, wirklich allein zu sein, sich richtig von der Well zu
scheiden, so daß die ganze Welt im Menschen sei und doch
zugleich außerhalb vom Menschen). Ich sage, Rousseau war
ein falsch Isolierter, und er wußte nicht, daß im richtigen Unter-
scheiden schon ein Begreifen der Einheit liege. Sein komme
de la nature ist eine falsche Synthese von Christentum und
Heidentum, eine Fälschung des einen durch das andere. Und
überall, wo man heute diese beiden Elemente falsch mischt, ist
der komme de la nature, dieser ewige Bastard, lebendig: in
unserer Erziehung, in unserer Politik, in unserer Moral, in
der Dichtung, vollends im Roman.
^°Seite59, Zeile ! : Seit dem Romantiker Friedrich Nietzsche
gilt allgemein der große Mensch für wesentlich ungerecht. Das
ist Hysterie, der Gesichtspunkt von Menschen, die nichts werten
können und immer etwas ,, spüren" wollen.
^^ Seite 59, Zeile 14: Warum können wir nicht oder nur mit
größter Überwindung lehren.^ Weil bei uns ein Abgrund
zwischen dem Wort und dem Ding, zwischen dem Heimlichen
und dem Öffentlichen liegt, über den wohl das Genie, der
102
Schauspieler und der Routinier, niemals oder doch nur mit
äußerster Schwierigkeit der Gerechte kommt.
*** Seite 60, Zeile 2 : Das unterscheidet den Maßvollen vom
Mittelmäßigen. Der Mittelmäßige kann und darf nämlich alles
vertauschen und verstellen, seine Ordnung ist keine Ordnung.
Ich erwähne es deshalb, weil der Indiskrete bei Maß sofort
an Mittelmäßigkeit denkt, und darum und um sich selber zu
entfliehen, extravagieren zu müssen glaubt. Denn dabei bleibt
es: im Grunde und im Herzen ist dieser Indiskrete mittel-
mäßig.
^'' Seite 60, Zeile 6 : Darauf beruht die Heiligkeit des antiken
Staatslebens, die Heiligkeit der Tradition. Im Staate, in der
menschlichen Gesellschaft leben, heißt darum aus sich heraus-
treten, nach außen leben. Der Staat, die Tradition, die Nation
sind für diesen aus sich heraus tretenden Menschen dann eben
der große Maßstab des Einzelnen. Ich meine, so faßte der
antike Mensch das Vaterland, den Staat und die Geschichte
auf. Für den Indiskreten ist der Staat ein Umweg zu ihm
selber oder eben nur das Mittel, um zu avancieren.
^^ Seite 60, Zeile i9:„Laßt die Toten die Toten begraben'',
ist die unantike Auffassung des Todes.
''•Seite6i,Zeile9: Das Maß dieses Menschen ist die Musik,
oder besser: dieser Mensch hat seine Kunst in der Musik ge-
funden, ohne sie könnte er gar nicht zum Ausdruck kommen.
^"Seiteöi, Zeile 16: Nur indiskrete Menschen klagen dar-
über, daß die Maschine ihnen ihr Ich nimmt. Vielleicht haben sie
recht, nur weiß man nicht, wieviel von ihrer ,, Persönlichkeit"
zu retten wäre durch Handarbeit. Ich glaube: nichts. Der
große Mensch wird darum nie über die Maschine klagen, weil
er stets sich selber als Kraft fühlt unter Kräften. Groß ist,
alles in Kräfte verwandeln können, überall die Kraft und das
reine Element spüren, auch in der Maschine. Darin liegt auch
105
die Unmittelbarkeit und Impassibilität des großen Menschen,
des Menschen ersten Ranges, dessen Amoralität, die durchaus
nicht Teufelei ist, wie sich das der indiskrete Mensch einbildet,
sondern Gegenständlichkeit, genau das. Napoleon war gegen-
ständlich, Goethe war gegenständlich. Ruskin war nicht gegen-
ständlich, darum fuhr er in der Mailcoach und nicht in der
Eisenbahn und glaubte in seiner Art an den Teufel. Der in-
diskrete Mensch ist nicht gegenständlich.
^' Seite 6 1, Zeile 21: Der „originelle Mensch", der seinen
Zweck verfehlt hat — eine sehr unantike Figur — ist eben
„originell", aber niemals groß. Er ist maßlos und irgendwie
ein Schauspieler. Man liebt ihn heute sehr, und Dilettanten
halten ihn für ganz besonders groß. Ob er oder ob die Welt
daran schuld hat, ist Sache der Auffassung. Für mich persön-
lich hat immer er schuld, unter allen Umständen.
^^Seiteöi, Zeile 26: Wir verstehen nicht mehr die großen, so
einfachen Identifikationen von Gut und Schön, von Tugend und
Lohn, die eben ein Ausdruck der Glückseligkeit und des Maßes
und der Größe waren. Der einsame Mensch ist gut und nicht
schön oder schön und nicht gut, und seine Tugend ist ohne
Lohn. Das liegt in der Natur der Einsamkeit.
^•' Seite 62, Zeile 20: Wer über sich hinausgeht, der über-
schreitet auch die Gesetze des Vaterlandes und die göttlichen
Satzungen und wird zum Verräter. Der Verräter als tragisches
Schicksal ist antik und nicht modern. Die großen Verräter
Athens und der Renaissance waren in der Tat tragische Figuren
im großen Stil, weil eben die menschliche Persönlichkeit inner-
lich im Zusammenhang ist mit dem Vaterlande und dem gött-
lichen Gesetz. Der moderne Mensch hat hier stets den Ausweg
seiner oft sehr fraglichen Individualität und kann alles als Be-
kenntnis auffassen. Im Grunde vermag nur ein einziger Mensch
nicht zum Verräter zu werden: der Indiskrete, und das ist bei
104
ihm weniger Mangel an Sprachvermögen als äußerster Mangel
an Gegenständlichkeit.
^° Seite 64, Zeile 8 : Was hätte Hamlet nicht dafür gegeben,
daß sein Geist der Geist seines Gestirnes wäre! Er fühlte, daß
er ohne Gestirn und darum allein sei, daß seine Einsamkeit
unendlich sei. Cäsars Einsamkeit war nicht unendlich, sondern
eben die des Gestirnes. Cäsars Größe war sein Stolz, seine
Größe war seine Kraft, seine Größe war sein Maß. Sein war
wahrhaftig die Einsamkeit des Adlers, während die Einsamkeit
Hamlets die des Menschen und Hamlets Stolz ohne Grenzen
ist und darum so leicht in das Gegenteil, den Zweifel, umschlägt.
Cäsars Stolz ist ohne Zweifel.
^^Seite 66, Zeile 26 : ich will daraufhinweisen, wie der Wahn-
sinn durchaus Requisit sozusagen der antiken Poesie ist, weil er
gleichsam den Versuch des elementaren Menschen, Ich-Mensch
zu werden, ausdrückt. Es ist darum so überaus sublim, daß
der große christliche Dichter Cervantes Don Quixote im Augen-
blick vor dem Tode vom Wahnsinn erlöst und ihm die Ver-
nunft zurückgibt. Wahnsinn kann die christliche Seele nicht
affizieren und ist nur Torheit und schlechte Stimmung des
Leibes. Daß Shakespeares Helden wahnsinnig werden, ist ein
Beweis dafür, wie stark in Shakespeare das antike Element war,
wie das Antike eben durchaus nicht auf die Alten beschränkt
bleibt. In einem gewissen Sinne gibt es überhaupt keine christ-
liche Tragödie. Die antike ist die Tragödie.
'--Seite 68, Zeile 10: Man kann sagen: wie der antike, der
tätige Mensch groß ist um des größten Widerstandes willen,
den er sucht, also ist der Christ groß um der Schuld willen.
^^ Seite 68, Zeile 14: Der tragische Mensch der Antike und
der christliche Mensch sind wie rechts und links, d. h. für den
tragischen Menschen ist Größe Schuld und für den christlichen
Schuld Größe.
105
2* Seite 69, Zeile lo: Der Widerspruch zwischen Gedanken
und Tat ist christlich. Der Christ überwindet die Tat durch den
Gedanken. Für den antiken Menschen hat der Gedanke nur
den höheren Rang, gleich wie der ältere Mann vor dem jüngeren
geht. Niemals aber überwindet der Gedanke die Tat. Die
antike Philosophie ist durchaus als Philosophie des Kriegers
zu verstehen (und darum so unmystisch und positiv im guten
Sinne), und niemand ist ein besserer Philosoph als der Krieger.
Den modernen indiskreten Menschen charakterisiert nichts
besser, als daß der Krieger und der Philosoph fast nur noch
die Gemeinplätze gemeinsam haben.
'"^^ Seite 69, Zeile 18: Man könnte auch sagen, die Tat des
Verzweifelten ist die des Konkurrenten. Der Konkurrent kann
ja gar nicht anders als verzweifelt handeln. Konkurrenz ist
keine Bestimmung und hat im Grunde nichts mit Größe
zu tun. Vielmehr ist der Sieger in einer Konkurrenz groß
nur unter indiskreten Menschen, unter indiskret geborenen
Menschen.
-''Seite73, Zeile 17: Seine Askese ist eben sein großes Maß,
la grande mesure. Wer es anders versteht, hat keine Ahnung,
worum es sich handelt.
-''Seite73,Zeile25: Der Arme im Reichen. In gewisser Hin-
sicht gehört dazu Genie, und für den Christen besteht darum
stets die Gefahr, daß die Transfiguration nicht gelingt und es
bei einer Indiskretion bleibt.
-•^ S e i t e 74, Z e i 1 e 9 : Der Mensch ohne Spannung ist dann der
Frivole, der Nichtige. Die Welt ist jetzt überreich an solchen
Menschen mit dem trüben Blick, den schlaffen Zügen, dem
hängenden, nassen Munde, dem welken, verbrauchten Fleisch.
Und dieser Mensch ist der eigentliche Gegensatz zum Armen,
Gespannten.
106
^"Seite 75» Zeile i6: Der indiskrete Mensch ist sehr stolz auf
seine Psychologie und ist im stillen davon überzeugt, ein
Zeitungsschreiber oder Paul Bourget oder sonst jemand wären
schließlich bessere Psychologen als Thukydides, wären über-
haupt erst Psychologen usw. Auch Homer, meint er, sei
kein Psychologe gewesen, auch Sophokles nicht, überhaupt
kein antiker Geist. Darauf ist folgendes zu erwidern: Die
Psychologie des indiskreten Menschen, Paul Bourgets oder sonst
eines gewöhnlichen Romanschriftstellers ist wertlos, durchaus
Ausdruck der inneren Maßlosigkeit und Gier, und man ist als
Psychologe ohne weiteres niemand, ganz ohne Distinktion, ohne
Rang, überflüssig und längst erledigt, ebenso wie eine Dichtung,
die nichts anderes ist als Psychologie, ein Unding ist, eine Form-
losigkeit, eine Geschwulst, ein Malheur. Der antike Mensch
war nicht Psychologe, weil er handelte und im Ganzen ein-
geschlossen war und im Ganzen wirkte. Für den antiken Men-
schen ist Psychologie Detail, und nur ein Mensch ohne Rang
oder ein komischer Mensch sieht das Detail. Weil Homer und
Äschylos nur das Große sahen (ohne Übertreibung, sondern
aus ihrer königlichen Natur heraus), waren sie keine Psycho-
logen im Sinne des Indiskreten, der nichts ist und darum bohrt.
Psychologie ist die wahre Stärke, ist die Subtilität des Leiden-
den, Transfiguration und als solche zu brauchen. Psychologie
ist, entschieden und einzig die Handlung und das Maß des Ein-
samen und nur als solche groß. Der Einsame, der Leidende, han-
delt Psychologie, und das ist die Psychologie von Dostojewski.
Sie ist das Maß und der Rhythmus dessen, der kein Maß und
keinen Rhythmus hat, des Verzweifelten, Iwan Karamasoffs.
Dante ist an und für sich ein genau so großer Psychologe wie
Dostojewski. Er sieht die Menschen genau so scharf wie der
erhabene Russe. Nur leben die Menschen Dantes im Ganzen und
haben darum das Maß und den Rhythmus der gemeinsamen
107
Hölle und Erde und aller Gestirne und des Himmels. Iwan
Karamasoff ist Psychologe, weil er gleich Hamlet ohne Gestirn
ist, weil er aus der ewigen Nacht kam und in die ewige Nacht
zurückkehren wird.
^^Seiteyö, Zeile 24: Das Gegenteil dieses Königs ist dann
der moderne Mensch, der seine Memoiren schreibt und darin zu
zeigen versucht, daß niemand vor seinem Kammerdiener groß
ist. Memoiren sind umgekehrte Mythologie.
^^Seite79, Zeile9: Die Schildkröte, die — ich weiß augen-
blicklich nicht mehr in welchem Mythos — die Welt auf dem
Rücken trägt, und Kierkegaard, der irgendwie auf seiner ab-
surden Annahme ruht, ist dasselbe. Größe ist hier absolut oder
gar nicht vorhanden.
32Seite84, Zeile22: Die Vision ist stets heilig und niemals
„persönlich". Es ist widerwärtig und kennzeichnet den Indis-
kreten, den Journalisten, von einer persönlichen Vision zu
reden.
^^Seite85, Zeile 3: Der Gegensatz zu diesem Heiligen ist
der Glücksritter, der nirgends sein Gleichnis findet und die
Dinge darum verbraucht und die Welt leer zurückläßt.
3* Seite 90, Zeile 18: So isoliert sah das Mittelalter mit seinem
fanatischen Spiritualismus das Tier. Nichts führt von Tier zu
Tier, das Tier ist wahrhaft einsam. Einen Niederschlag dieser
Anschauung findet man in der ganzen Tiergestaltung des
Mittelalters, in den Skulpturen auf den Domen, in Wappentieren,
Jagdbüchern, ja auch noch in der Malerei der Primitiven.
^^ Seite 90, Zeile 20: Man soll hier unterscheiden: es gibt den
maßlosen, den unmäßigen Menschen in der Welt der bürger-
lichen Schutzmoral und der Materie, durch dessen Maßlosigkeit
die andere, außerhalb von ihm liegende Welt, der Nächste,
nicht auch maßlos wird. In der Welt des Geistes dagegen ent-
108
spricht unserer eigenen Maßlosigkeit stets auch die Maßlosigkeit
der Welt, und das heißt dann Geisteswelt. Ein hochmütiger oder
neidischer oder zorniger Mensch in der Welt der Moral, der
Materie, der Interessen ist eben hochmütig oder neidisch oder
zornig, daran ist nichts zu ändern, und man muß warten, bis
das zu Ende ist und er stirbt, oder man muß ihn übersehen
oder lächerlich finden oder auch einsperren. Das Notwendige
ergibt sich hier von selbst und kann niemals ausbleiben. In der
Welt des Geistes leben heißt nun: dieser hochmütige oder
neidische oder zornige Mensch lebt in einer hochmütigen oder
neidischen oder zornigen Welt, das genügt, und es nützt gar
nichts, daß man ihn jetzt einsperre oder später in die Hölle
stecke. Er kann überhaupt nicht gerichtet werden, weder jetzt,
noch später, weil er ist. Geist ist Dasein, ist Schicksal, und
niemand vermag den Geist anzuklagen.
^•^ Seite 90, Zeile 25 : Die den modernen Menschen seit mehr
denn hundert Jahren aufregende Frage, ob der Schöpfer über
dem Werke stehen solle oder umgekehrt, kommt von einer
übertriebenen und auch unrichtigen Bewertung des Erlebnisses
und ist eitel und müßig. Derselbe Geist ist im Werke und im
Schöpfer, und dieser Geist ist maßgebend und unsterblich und
steht ewig über dem Erlebnis. Alle nur aus dem Erlebnis ge-
borenen Werke haben etwas entschieden Chimärenhaftes und
werden aus der Entfernung immer mehr so. Zum mindesten
fehlt ihnen durchaus das Eine: die Größe.
^''Seitegi, Zeile 12: Der Witzige, der Antithetische freilich
darf nie an seinem Geiste gemessen werden, unter gar keinen
Bedingungen. Vielmehr unterliegt niemand so sehr dem Maß
der anderen wie er. Niemand richtet sich im übrigen heimlich,
ganz heimlich so sehr nach dem Maße der anderen wie dieser
Witzige, man braucht sich darum um niemanden weniger zu
sorgen wie gerade um ihn. Gefährlich ist der Witzige und
109
Antithetische nur, wenn er en masse, recht eigentlich epidemisch
auftritt, da gilt es dann Gewaltmaßregeln anwenden und keinen
Pardon geben.
^^Seite92, Zeile 6: Einmal kommt die Chimäre zu Ihm
in der Gestalt der Sadduzäer: „Die da halten, es sei eine Auf-
erstehung; und fragten Ihn und sprachen: ,Meister, Moses hat gesagt:
»So einer stirbt und hat nicht Kinder, so soll sein Bruder sein Weib
freien und seinem Bruder Samen erwecken. <' A'un sind bei uns gewesen
sieben Brüder. Der erste freiete und starb; und dieweil er nicht Samen
hatte, ließ er sein Weib seinem Bruder. Desselbigen gleichen der andere
und der dritte bis an den siebenten. Zuletzt nach allen starb auch das
Weib. Nun in der Auferstehung, wessen Weib wird sie sein unter den
siebend Sie haben sie ja alle gehabt." Und Jesus antwortete ihnen
mit anderem: Gott aber ist nicht ein Gott der Toten, sondern der
Lebendigen. (Matth. 22.)
Ein anderes Mal verkleidet sich die Chimäre in eine Mutter und
tritt vor ihn und richtet die unsterbliche Bitte der Mutter an
Den, für den es nicht mehr Mütter und Söhne gibt. „Da trat
zu Ihm die Mutter der Kinder Zebedäi mit ihren Söhnen, fiel vor Ihm
nieder und bat etwas von Ihm. Und Er sprach zu ihr: ,Was willst
duV Sie sprach zu Ihm: ,Laß diese meine zween Söhne sitzen in
deinem Reich, einen zu deiner Rechten und den andern zu deiner
Linken'." (Matth. 20.)
I 10
INHALT
DER INDISCHE GEDANKE
Geschichte 7
Die Kunst 14
Das Opfer (Von der menschlichen Tiefe) . . 22
Der Heilige j2
VON DEN ELEMENTEN DER MENSCHLICHENGRÖSSE
Einleitende Sätze 47
Der indiskrete Mensch 51
Der Kreis 57
Das Kreuz 67
Das Maß 76
Der Gott und die Chimäre 86
NOTEN ZU: DER INDISCHE GEDANKE .... 94
NOTEN ZU: VON DEN ELEMENTEN DER MENSCH-
LICHEN GRÖSSE 100
Druck von Fr. Richter in Leipzig
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